Eine junge Frau mit langen braunen Haaren balanciert am Strand sitzend auf einem Brett, das auf einer Rolle liegt.
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Work-Life-Balance neu gedacht

Work-Life-Balance war in den 80ern die Antwort auf steigenden Leistungsdruck im Berufsleben. Darüber hinaus adressierte sie zunehmende Trennung von Arbeit und Freizeit seit der Industrialisierung. Außerdem forderte die Frauenbewegung bessere Bedingungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Mit der digitalen Revolution haben sich die Rahmenbedingungen drastisch verändert. Daher muss die Work-Life-Balance neu definiert werden.

Der Begriff Work-Life-Balance ist in die Jahre gekommen und auch in die Kritik geraten.

Allerdings, welche Rolle spielt er heute noch, um das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit auszugleichen?

Die Work-Life-Balance ist in aller Munde. Außerdem werben Firmen damit in Stellenanzeigen. Ratgeber versprechen das perfekte Austarieren in fünf einfachen Schritten. Menschen posten Sonnenuntergänge auf LinkedIn mit dem Hashtag #WorkLifeBalance, als würde das die Realität widerspiegeln. Kurz gesagt: Sie ist zur Phrase verkommen.

Dabei galt sie bei ihrer Entstehung in den 1970er und 1980er Jahren als etwas Positives. Sie war in Großbritannien und den USA primär Reaktion auf zunehmende Arbeitsbelastungen. Als Antwort formulierte sie die Idee, Arbeit und Privatleben in Einklang zu bringen.

Dieser Ansatz ist Resultat des von Ronald Inglehart postulierten Wertewandels weg von materieller Sicherheit. Zusätzlich verändert er die Unterordnung des Privatlebens unter die Arbeit hin zu Selbstverwirklichung, Lebensqualität und Mitgestaltung.

Das Konzept der Work-Life-Balance basiert auf den vier Säulen.

  • Beruf & Finanzen,
  • Gesundheit & Fitness,
  • Familie & soziale Kontakte sowie
  • Sinn & Kultur.

Ein stabiles Gleichgewicht zwischen diesen Bereichen soll die Work-Life-Balance fördern und Wohlbefinden, Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit erhöhen.

Auf einem fürs Arbeiten viel zu kleinen Couchtisch steht ein Laptop, davor ein Kaffeebecher, daneben liegen eine Brille und ein Smartphone, auf der Tastatur ein Block und ein Stift.

Warum die Trennung nicht mehr funktioniert

Eine der zentralen Forderungen zur Erreichung dieser Ziele war die strikte Trennung von Arbeit und Freizeit. Doch diese Grenzen sind längst gefallen, Berufs- und Privatleben verschmelzen immer mehr zu einer Einheit. Gerade dort, wo Homeoffice im Trend liegt, Menschen dank Smartphone durchgehend erreichbar sind und berufliche Aufgaben immer mal zwischendurch zwischen privaten Erfordernissen und sozialen Pflichten wahrgenommen werden, ist die Unterscheidung längst unmöglich.

Dazu kommt: Der richtige Job ist längst selbst integraler Teil des eigenen gut gelingenden Lebens geworden. Für die Generation Y und die Millennials ist eine Trennung schon fast nicht mehr vorstellbar, weil der erfüllende Beruf Teil eines gut gelingenden Lebens ist und ihm seinen eigenen Sinn geben soll. Und so setzen sie alles daran, beide Bereiche zu einer Einheit verschmelzen zu lassen.

Doch genau hierin liegen auch Gefahren, denen speziell wir Singles ausgesetzt sind, weil wir noch flexibler verfügbar sind als Partnerschafts- und Familienmenschen und weil der Job oft auch ein viel größerer Bestandteil unserer Selbstdefinition ist als bei Menschen, die etwa in ihrer Elternrolle aufgehen und dort einen Ausgleich finden. Das Finden einer gesunden Balance tut also nicht, wenn wir uns nicht selbst verlieren wollen.

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Das Problem mit der Metapher

Wenn es darum geht, ein gut gelingendes Leben zu führen, muss weit mehr in Einklang gebracht werden als nur die Arbeit mit dem ganzen Rest. Denn dieser Rest ist mehr als das Anhängsel ans Berufsleben, weit mehr sogar. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, welchen (zeitlichen, finanziellen, ideellen …) Stellenwert Freundschaften darin haben, welchen (Paar-Beziehungen)Beziehungen. Es ist das, was wir für unsere kulturellen Bedürfnisse tun, unseren Wunsch nach sportlicher Betätigung, unser Streben nach persönlicher Entwicklung, und so weiter.

Aber eben auch, welche Ansprüche wir an unseren Beruf stellen. Ob er etwa einfach dazu dient, die Ressourcen für unsere privaten Bedürfnisse bereitzustellen, oder viel mehr sein soll: Sinnstifter, Entwicklungsraum, Gelegenheit zum Austausch, Berufung gar. Auch das war und ist ein Trend, der mit der Aufwertung von Wertschätzung und Sinnstiftung fürs menschliche Leben Fahrt aufnahm.

Manche Menschen finden in ihrer Arbeit Erfüllung, Sinn und Gemeinschaft, Elemente, die zweifellos zum „Leben“ gehören. Andere arbeiten in Jobs, die sie aushöhlen. Für sie ist selbst eine 30-Stunden-Woche zu viel. Und dann ist da auch noch die körperliche Komponente: Wenn du am Rechner arbeitest, hängst du nach dem Abendessen auch noch die neunte und zehnte Stunde dran, mehr oder weniger gemütlich mit dem Laptop auf dem Sofa. Wenn du hingegen körperlich schwer arbeitest oder große Maschinen für deine Aufgaben benötigst, sieht das ganz anders aus.

Eine männliche Porzellanfigur balanciert auf ihrem Kopf ein Sparchwein, einen Wecker und ein Herz die auf gegeneinander verschobenen Brettern übereinander liegen.

Balance ist kontingent

Hinzu kommt, dass das optimale Verhältnis der Lebensbereiche zueinander nie statisch ist, weil es das Leben schließlich auch nicht ist. Und wenn du in deinen Zwanzigern noch die Nächte durchfeiern und am nächsten Tag im Job trotzdem voll powern konntest, gelingt dir das mit Mitte fünfzig längst nicht mehr. Dafür legst du jetzt Wert auf Dinge, für die du früher allenfalls ein müdes Lächeln übrighattest.

Was Balance jeweils bedeutet, muss immer wieder neu bestimmt werden, und zwar durch dich. Als Single betrifft dich dies besonders, weil du anders als Menschen in Partnerschaften oder mit Kindern keine natürlichen Begrenzungen hast. Da ist keine Familie, die abends auf dich wartet oder am Wochenende Zeit mit dir verbringen will. Es gibt aber auch niemanden, der dich bremst, wenn du mehr gibst, als für dich gut ist. Da bist nur du, der mit deinen Ressourcen haushalten muss.

Der Begriff suggeriert auch, dass Arbeit automatisch zu viel Platz einnimmt und weniger davon mehr Leben bedeutet. Doch das ist zu simpel.

Deine Zeit ist formbar, verfügbar, und das ist gleichzeitig Chance und Gefahr. Denn so kann die Arbeit sich ausdehnen und alle Räume füllen, weil keine strukturellen Hindernisse im Weg stehen. Wenn du keine Grenzen setzt, gibt es keine, und du bist eben ständig erreichbar und kannst nach Belieben Einsatz bringen.

Und unterm Strich wird das ja auch oft genug von dir erwartet. „Du hast ja keine Familie“: Dieser Satz, mal explizit ausgesprochen, mal implizit gemeint, legitimiert in den Augen vieler Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber längere Arbeitszeiten, größere Flexibilität, höheres Engagement. Als würde deine Zeit weniger wert sein, nur weil niemand anders direkte Ansprüche darauf erhebt.

Ein Mann sitzt mit einem Laptop auf dem Schoß auf dem Boden seiner Wohnung.

Vom Gleichgewicht zur Integration

Wenn es keine Polarität zwischen Berufs- und Privatleben gibt, weil alle Bereiche miteinander verschwimmen, muss eine neue Begrifflichkeit her. Manche sprechen daher von Work-Life-Integration, und das kommt der Sache schon näher. Denn es geht nicht darum, zwei gegensätzliche Sphären gegeneinander abzuwägen, sondern darum, verschiedene Aspekte des Lebens, zu denen die Arbeit nun einmal gehört, so zu integrieren, dass ein stimmiges Ganzes entsteht.

Leider birgt auch dieser Begriff seine Tücken. Integration kann bedeuten, dass Arbeit und Privatleben so sehr verschmelzen, dass keine Grenzen mehr existieren. Und genau das macht das Homeoffice möglich: morgens eine E-Mail, bevor du überhaupt aufgestanden bist. Abends noch schnell eine Präsentation fertigstellen. Am Wochenende „kurz“ etwas nachschauen. Die totale Integration wird zur totalen Verfügbarkeit.

Doch wo keine Grenzen existieren, keine Möglichkeit zur Abgrenzung und zum Ausgleich besteht, droht eine totale Vereinnahmung. Da werden soziale Verpflichtungen verschoben oder abgesagt, weil mal eben schnell noch eine berufliche Aufgabe erledigt werden muss. Freundschaften schlafen ein, Sozialkontakte nehmen ab, irgendwann ist da nur noch der Job. Bis der eines Tages wegfällt, und dann nur noch eines da ist: nichts.

Vielleicht brauchen wir also eine differenziertere Perspektive: eine, die anerkennt, dass Menschen unterschiedlich sind, dass Lebensphasen variieren, dass es nicht die eine richtige Lösung gibt, sondern deine eigene für deine aktuelle Situation. Hier ein paar Impulse für dich zum Nachdenken.

Die Gleichung „Weniger Arbeit = mehr Leben“ funktioniert nicht universell.

Die Frage nach dem guten Leben

Im Kern geht es bei der Diskussion um Work-Life-Balance um eine fundamentalere Frage. Zudem ist relevant: Was macht ein Leben lebenswert, erfüllt und sinnvoll? Die antiken Philosophen um Aristoteles nannten es „Eudaimonia“, ein Begriff, der oft mit Glück übersetzt wird. Aber eigentlich viel umfassender ist: das Aufblühen der eigenen Potenziale. Es bedeutet, ein Leben in Übereinstimmung mit den eigenen Werten zu führen. Kurz: die vollkommene Glückseligkeit.

Arbeit kann zu diesem guten Leben beitragen, wenn sie sinnstiftend ist, wenn sie unsere Fähigkeiten fordert und erweitert, wenn sie uns am besten sogar in den Flow bringt. Wenn sie uns mit anderen verbindet, wenn sie uns das Gefühl gibt, etwas Wertvolles beizutragen. Doch Arbeit allein genügt nicht. Menschen brauchen auch Muße (die Griechen sprachen von „Scholé“), Zeit für Beziehungen, für Kontemplation, für kreative Tätigkeiten ohne Zweck, für körperliche Bewegung, für Schönheit und Genuss.

Als Single musst du diese Frage für dich selbst beantworten, ohne die gesellschaftlich vorgegebenen Antworten als Blaupause nutzen zu können. Diese Freiheit ist ein Geschenk, aber sie erfordert auch, dass du selbst definierst, was ein gutes Leben für dich bedeutet.

Ein aufgeklappter Laptop steht auf einem Holztisch in einem Raum mit vielen großen Grünpflanzen vor dem Fenster. Auf dem Stuhl dahinter steht eine beige  Tasche.

Grenzen setzen in einer grenzenlosen Welt

Und auch das klang schon an: Die moderne Arbeitswelt macht es dir nicht leicht, Grenzen zu ziehen. Die Digitalisierung hat räumliche und zeitliche Begrenzungen aufgehoben. Du kannst überall arbeiten, zu jeder Zeit. Was als Befreiung gedacht war, wird oft zur Belastung. Wenn alles möglich ist, wann ist es genug? Wann hast du genug gegeben, wann hörst du auf?

Für Singles ist diese Herausforderung besonders akut. Nach Feierabend schnell etwas essen, dann mit dem Laptop auf dem Schoß noch an einer Präsentation feilen, während im Hintergrund eine Serie läuft. Am Wochenende nur noch schnell“ etwas für die Arbeit erledigen, was dann länger dauert, sodass du den gemeinsamen Sport wieder mal absagen musst.

Die Grenzen, die für andere durch ihre Lebensumstände gesetzt werden, musst du aktiv schaffen. Das erfordert Mut und Standfestigkeit, aber auch Disziplin und Klarheit. Hier sind vier Strategien:

  • Definiere zeitliche Grenzen: Bestimme feste Arbeitszeiten, auch im Homeoffice. Der Laptop wird um 19 Uhr zugeklappt. E-Mails werden nach 20 Uhr nicht mehr gelesen. Das Wochenende ist tatsächlich arbeitsfrei, außer in echten Notfällen (die seltener sind, als wir glauben).
  • Schaffe räumliche Trennung: Wenn möglich, arbeite nicht dort, wo du wohnst, oder richte zumindest einen klar abgegrenzten Arbeitsbereich ein, den du nach Feierabend verlässt. Die räumliche Trennung hilft dem Gehirn, zwischen Modi zu wechseln.
  • Etabliere ritualisierte Übergänge: Da niemand auf dich wartet, musst du eigene Rituale schaffen, die den Übergang markieren. Ein Spaziergang nach Feierabend, das Umziehen, das bewusste Ausschalten aller Arbeitsgeräte. Diese Rituale sind keine Spielerei, sondern psychologische Notwendigkeit.
  • Lerne, Nein zu sagen: Als Single wirst du öfter gefragt, einzuspringen, Überstunden zu machen, flexibel zu sein. Das bewusste Nein ist keine Unhöflichkeit, sondern Selbstschutz. Deine Zeit ist nicht weniger wertvoll, nur weil sie nicht von anderen beansprucht wird.

Kreative Projekte, die nur dir gehören. Freundschaften, die tief genug sind, um dich als ganzen Menschen zu sehen, nicht nur als Funktionsträger.

Die Qualität der Zeit

Doch es geht nicht nur um die Quantität der Zeit, die du außerhalb der Arbeit verbringst. Es geht auch, und sogar in erster Linie, um ihre Qualität. Vier freie Abende, die du erschöpft vor dem Fernseher verbringst, sind weniger wert als zwei Abende, an denen du wirklich präsent bist für das, was du tust. Die Gefahr der „Junk Time“ ist real: Zeit, die du totschlägst, weil du zu erschöpft bist für etwas Sinnvolles, aber nicht entspannt genug, um wirklich zu regenerieren. Du scrollst durch Social Media, zappst durch Streaming-Dienste, spielst halbherzig ein Handyspiel. Die Stunden vergehen, aber du fühlst dich hinterher nicht erfrischt, sondern leer.

Als Single hast du niemanden, musst du selbst aktiv werden, um dich aus Passivität herauszuholen. Doch das erfordert eine Restenergie, die nach einem anstrengenden Arbeitstag oft fehlt. Die Lösung liegt deswegen nicht darin, noch mehr in die Freizeit zu packen, sondern darin, bewusster auszuwählen. Wenige, aber qualitativ hochwertige Aktivitäten: das intensive Gespräch mit einem Freund statt oberflächlicher Kontakte, die konzentrierte Stunde mit einem guten Buch statt Infotainment-Konsum, die körperliche Aktivität, die dich fordert und anschließend entspannt.

Links an der Wand hängt eine Uhr. An ihr vorbei geht der Blick über einen Balkon auf die verschwommene Silhoutte einer Stadt.

Arbeit als Identitätsstifter

Ein besonderer Aspekt für Singles ist die schon erwähnte identitätsstiftende Rolle der Arbeit. Während Menschen in Partnerschaften oder mit Familien ihre Identität aus verschiedenen Rollen speisen, definieren sich Singles oft stärker über ihren Beruf. Die Arbeit wird zur Hauptquelle von Anerkennung, Struktur und sozialer Einbindung. Das ist nicht per se problematisch. Arbeit kann erfüllend sein, kann Sinn stiften, kann uns das Gefühl geben, gebraucht zu werden.

Doch wenn sie zur einzigen Identitätsquelle wird, entsteht Abhängigkeit. Berufliche Rückschläge werden zu existenziellen Krisen. Der Selbstwert hängt am Feedback des Chefs. Die Beförderung oder ihr Ausbleiben entscheidet über Glück oder Unglück. Die Herausforderung besteht darin, auch außerhalb der Arbeit Identitätsanker zu schaffen. Hobbys, die dich fordern und definieren. Ehrenamtliches Engagement, das dir das Gefühl gibt, etwas beizutragen.

Diese Diversifikation der Identität ist nicht nur psychologisch gesund, sie macht dich auch widerstandsfähiger. Wenn ein Lebensbereich kriselt, tragen dich die anderen. Wenn die Arbeit temporär intensiv wird, hast du andere Bereiche, zu denen du zurückkehren kannst, wenn die Welle abebbt.

Das Buch zu lesen, das dich nicht weiterbildet. Der Spaziergang, der nicht vom Fitnesstracker aufgezeichnet wird. Das Gespräch, das nirgendwohin führt, aber einfach schön ist.

Die Falle der Selbstoptimierung

Ein weiteres Phänomen unserer Zeit ist die Ausdehnung des Leistungsprinzips auf alle Lebensbereiche. Auch die Freizeit wird optimiert, vermessen, gesteigert. Du gehst nicht einfach joggen, du trackst deine Performance. Du meditierst nicht, weil es dir guttut, sondern um produktiver zu werden. Selbst der Urlaub wird zur Investition in die eigene Leistungsfähigkeit.

Diese Ökonomisierung aller Lebensbereiche ist problematisch. Sie raubt dem Leben die Zweckfreiheit, die es braucht, um wirklich zu regenerieren. Alles wird Mittel zum Zweck, und der Zweck ist immer: besser funktionieren. Schneller, höher, weiter wird in allen Lebensbereichen zur Maxime, Selbstoptimierung zur einzigen Lebensaufgabe. Als Single bist du besonders anfällig für diesen Diskurs. Ohne familiäre Verpflichtungen kannst du viel Zeit für deine Optimierung aufbringen, und ein Ziel hast du damit obendrein.

Du könntest noch fitter sein, noch gebildeter, noch erfolgreicher. Die Selbstoptimierungs-Industrie suggeriert: Wenn du nur die richtigen Techniken anwendest, die richtige Morgenroutine etablierst, die richtigen Supplements nimmst, dann wird alles besser.

Doch vielleicht ist die radikalere Geste die Verweigerung: die bewusste Entscheidung, Dinge zu tun, die keinem Zweck dienen außer dem, dass sie dir Freude bereiten. Diese zweckfreie Zeit ist nicht verschwendet. Sie ist vielleicht das Wertvollste, was du haben kannst: Zeit, in der du einfach nur bist, ohne zu performen, ohne zu optimieren, ohne zu funktionieren.

Ein Home Office. Auf dem hölzernen Sekretär stehen Tastatur und Bildschirm, davor ein hölzerner Bürostuhl, daneben ein Scooter. Durch die Jalousien vor dem Fenster links fällt gedämpftes Licht im Streifen.

Verschiedene Lebensphasen, verschiedene Balancen

Manche Lebensphasen sind arbeitsintensiv, und das ist okay, wenn es eine bewusste Entscheidung ist und wenn es temporär bleibt. Du baust eine Selbstständigkeit auf, arbeitest 60 Stunden die Woche, weil es dir wichtig ist, weil du etwas schaffen willst. Das kann richtig sein, solange du nicht in diesem Modus stecken bleibst, wenn die Aufbauphase vorbei ist.

Andere Lebensphasen erfordern Rückzug: nach einem Burnout, nach einer Krise, nach einer Phase der Überlastung. Oder auch nur, wenn der Job aktuell keine wirkliche Befriedigung bringt. Dann ist es legitim, beruflich einen Gang zurückzuschalten, auch wenn das bedeutet, Karriereambitionen temporär zurückzustellen.

Als Single hast du die Freiheit, solche Entscheidungen ohne Abstimmung mit anderen zu treffen. Die dadurch entstehenden Risiken betreffen nur dich, du musst sie allerdings auch allein tragen. Du kannst radikaler sein in deinen Richtungsänderungen. Diese Flexibilität ist ein Privileg, nutze es.

Wichtig ist die regelmäßige Selbstbefragung: Passt meine aktuelle Lebensgestaltung zu dem, was ich gerade brauche? Bin ich in einem Modus, der mir entspricht, oder habe ich mich in etwas verstrickt, das eigentlich nicht meins ist? Diese Fragen zu stellen erfordert Mut, denn die Antworten können unbequem sein.

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Soziale Beziehungen als Korrektiv

Menschen in Partnerschaften und Familien haben ein eingebautes Korrektiv: Andere Menschen fordern Zeit, Aufmerksamkeit, Präsenz. Als Single fehlt dieses Korrektiv oft, und Freundschaften, so wichtig sie sind, fordern selten mit derselben Selbstverständlichkeit. Freundschaften enden viel einfacher, wenn sie nicht gepflegt werden. Deshalb ist es wichtig, ihnen Priorität einzuräumen und sich bewusst darum zu kümmern, nicht als nettes Extra, sondern als essenzieller Bestandteil eines guten Lebens.

Das bedeutet: Verabredungen wahrnehmen, auch wenn du müde bist. Zeiten freihalten für Gespräche, auch wenn die Arbeit drängt. In Freundschaften investieren wie in ein Projekt, das dir wichtig ist. Denn gleichzeitig können Freunde als Spiegel dienen. Wenn mehrere Menschen unabhängig voneinander anmerken, dass du in letzter Zeit nur noch von der Arbeit sprichst, ist das ein Signal. Wenn du merkst, dass du Verabredungen immer wieder verschiebst, weil die Arbeit vorgeht, ist das ein Warnsignal.

Zwei Männer und zwei Frauen in Sportkkleidung machen Ausfallschritte auf dem Flur eines Büros. Zu ihrren Füßen liegen Hanteln und Bänder.

Geld und Zeit: Eine komplexe Beziehung

Als Single trägst du allerdings auch die finanzielle Verantwortung allein. Es gibt kein zweites Einkommen als Puffer, keine geteilten Lebenshaltungskosten. Das schafft einen Druck, der realistisch ist und nicht einfach weggeredet werden kann. Er führt aber manchmal zu falschen Entscheidungen: Du arbeitest mehr, um mehr zu verdienen, um dir ein Leben zu ermöglichen, das du nicht leben kannst, weil du zu viel arbeitest, der Hamsterrad-Effekt.

Die Frage lautet also: Wie viel Geld brauchst du zum Leben wirklich? Nicht für den Lifestyle, den Instagram suggeriert, nicht für die Statussymbole, mit denen du kompensieren könntest, dass dein Leben anders aussieht als das traditionelle Modell, sondern für ein Leben, das dir entspricht, das dich glücklich macht und das dich erfüllt.

Manche Singles treffen bewusst die Entscheidung, in Teilzeit zu arbeiten, weniger zu verdienen, dafür mehr Zeit zu haben. Andere wählen intensive Karrierephasen, um finanziell frei zu werden und später reduzieren zu können. Wieder andere finden ihre Balance in einer Vollzeitstelle, die sie aber tatsächlich nach acht Stunden verlassen können.

Welcher Weg für dich der richtige ist, musst du immer wieder neu entscheiden. Den Weg zu finden, der zu dir passt, setzt voraus, dass du dir ehrlich die Frage stellst: Was brauche ich wirklich? Was davon ist Bedürfnis, was ist Wunsch, was ist internalisierter gesellschaftlicher Druck?

Pausen als produktive Leere

Unsere Kultur hat ein Problem mit Pausen. Leere Zeit gilt als verschwendet, Nichtstun als Faulheit. Doch Neurowissenschaft und Psychologie zeigen: Das Gehirn braucht Pausen, um zu verarbeiten, um kreativ zu sein, um sich zu regenerieren. Das Default Mode Netzwerk, jenes Netzwerk im Gehirn, das aktiv wird, wenn wir scheinbar nichts tun, ist essenziell für Selbstreflexion, für die Integration von Erfahrungen, für Kreativität. Wer permanent beschäftigt ist, beraubt sich dieser wichtigen Prozesse.

Als Single kannst du Pausen bewusster gestalten als Familienmenschen. Du kannst an einem Sonntag einfach nichts tun, ohne dass jemand anderes davon betroffen ist. Du kannst einen freien Tag nutzen, um nur zu sein, ohne Programm, ohne Ziel. Diese Fähigkeit zum Nichtstun ist eine Kunst, die wiederentdeckt werden will. Vielleicht beginnst du mit kleinen Inseln im Alltag: der Kaffee am Morgen, den du wirklich genießt, ohne dabei E-Mails zu checken. Der Spaziergang ohne Podcast. Die Viertelstunde am Fenster, einfach nur schauend.

Vielleicht kommt es einfach darauf an, was du daraus machst. Nicht im Sinne von Selbst- oder Zeitoptimierung, sondern in der Ausdehnung deines Genussmoments. Wann hast du zuletzt die Wärme der Sonne auf deiner Haut gespürt, wann den Morgenkaffee bewusst getrunken? Du hast das Privileg, viel Zeit für dich und die schönen Dinge zu haben. Es wäre pure Verschwendung, diese nicht fürs Genießen zu nutzen.

Ein Mann leht sich an seinem Schreibtisch gemütlich zurück. Er hart seine Hände hinter dem Kopf verschränkt. Auf dem Tisch steht ein Laptop und eine Kaffeetasse, an der Wand hinter ihm Regale, Grünpflanzen, ein Sessel und ein Fahrrad.

Ein Leben jenseits der Balance

Denn vielleicht geht es gar nicht um Balance, sondern um Stimmigkeit: um ein Leben, das sich richtig anfühlt. Nicht weil alles perfekt austariert ist, sondern weil die verschiedenen Elemente zusammenpassen, sich ergänzen, ein in sich harmonisches Ganzes bilden. Stimmigkeit bedeutet indes nicht Konfliktfreiheit. Arbeit wird immer fordern, das Privatleben wird immer auch Anstrengung bedeuten.

Es wird immer widerstreitende Dinge geben und du musst immer auch Entscheidungen treffen. Aber es bedeutet, dass du im Großen und Ganzen spürst: Das ist mein Leben, so wie ich es führe, und es entspricht dem, was ich will. Als Single hast du die besondere Chance und Herausforderung, diese Stimmigkeit selbst zu definieren.

Du kannst dich nicht hinter der Familie verstecken, die deine Entscheidungen vorgibt. Du kannst die Verantwortung nicht auf andere abschieben. Aber du hast auch die Freiheit, radikaler zu sein, experimentierfreudiger, authentischer.

Die Frage ist nicht: Wie erreiche ich die perfekte Work-Life-Balance? Die Frage ist: Wie will ich insgesamt leben? Was ist mir wichtig? Wofür will ich meine begrenzte Zeit auf diesem Planeten verwenden? Welchen Stellenwert nimmt der Beruf ein, welchen meine Freunde, welchen meine Freizeit? Wenn du diese Fragen beantwortest, ehrlich, ohne Selbstbetrug, ohne Orientierung an dem, was andere erwarten, dann wirst du deine Form der Stimmigkeit finden. Nicht als statischen Zustand, sondern als dynamischen Prozess. Ein Leben, das sich entwickelt, das sich anpasst, das immer wieder neu austariert wird.

Und vielleicht braucht es dafür ein anderes Bild als die Balance: das Navigieren. Du bist unterwegs, es gibt Strömungen und Gegenwinde, und du korrigierst immer wieder den Kurs. Mal mehr Arbeit, mal mehr Rückzug. Mal intensive Sozialkontakte, mal bewusstes Alleinsein. Mal ehrgeizig vorwärtsdrängend, mal innehaltend und reflektierend. Je nachdem, was ansteht, korrigierst du deinen Kurs, damit er deinen Bedürfnissen entspricht. Das ist Leben. Dein Leben.

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Fotos von Gustavo Torres, Ford Edwards, Galina Nelyubova, Bluestonex, Hai Nguyen, Yura Timoshenko, Taitopia Render, Andrej Lišakov und Vitaly Gariev auf Unsplash

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