Sommerorte für Genießer
Der Sommer eignet sich besonders für genussvolle Ausflüge: Allein schon das Gefühl der Sonne auf der Haut und des Winds, der durch die Haare streicht, lassen angenehme Gefühle aufkommen. Und dann ist da ja noch die Natur, die überbordende Vegetation und das Füllhorn an Köstlichkeiten, die ihr entspringen. Doch es gibt Orte, die dank ihres besonderen Zaubers besondere Genussmomente schaffen. Um genau diese soll es hier gehen.
Genuss ist kein Luxus. Er ist eine Fähigkeit. Und wie jede Fähigkeit lässt er sich trainieren: durch Orte, die ihn herausfordern.
Stell dir vor: Du sitzt an einem Abend im Juli auf einer Terrasse in Südfrankreich. Der Lavendel riecht wie eine einzige Destillation des Sommers. In deinem Glas bewegt sich ein Rosé aus der Region, kalt genug, um Kondenswasser zu bilden. Die Zikaden spielen ihr Stück. Der Wind streicht sanft durch die Kronen der Steineichen. Das Licht steht tief und macht alles ein wenig unwirklich. Niemand beeilt sich.
Das ist Genuss. Nicht weil etwas besonders teuer oder exklusiv wäre, sondern weil alle Sinne gleichzeitig angesprochen werden und du vollständig präsent bist. Du bist nicht woanders, sondern dort; und das ist das Entscheidende. Denn Genuss ist weit mehr als ein guter Wein oder ein leckeres Essen. Er entsteht, wenn du deinen Sinnen erlaubst, zu begreifen.
Genau solche Orte, an denen das Licht anders fällt, das Essen anders schmeckt und die Stille eine andere Qualität hat als zu Hause, sind das Thema dieser Sommerreise: acht Ziele für alle Sinne.

Was Genuss wirklich bedeutet
Genuss wird, ich habe das schon angedeutet, oft mit Essen und Trinken gleichgesetzt. Doch das greift zu kurz. Er ist, psychologisch betrachtet, eine Qualität der Aufmerksamkeit: die Fähigkeit, sich einem positiven Erleben vollständig hinzugeben, ohne gleichzeitig an das zu denken, was man sonst noch erledigen müsste. Genuss ist folglich nur dann möglich, wenn du vollständig im Hier und Jetzt bist und dich mit allen Sinnen darauf einlässt, ohne Ablenkung, Hektik, Nutzendenken.
Die Wissenschaft des Genießens
Die Motivationspsychologinnen Katharina Bernecker von der Universität Zürich und Daniela Becker von der Radboud Universität haben als erste systematisch die sogenannte „hedonistische Fähigkeit“ untersucht: die Fähigkeit, unmittelbarem Vergnügen ungeteilt nachzugehen. Ihr Befund ist eindeutig: Menschen, die sich dem Genuss vollständig hingeben können, ohne gedanklich abzuschweifen, erleben nicht nur kurzfristig mehr Wohlbefinden. Sie weisen generell eine höhere Lebenszufriedenheit auf und leiden seltener an Depressions- und Angstsymptomen.
Barbara Fredrickson, Psychologieprofessorin an der University of North Carolina, erklärt diesen Zusammenhang mit ihrer Broaden-and-Build-Theorie: Positive Emotionen, zu denen Genuss ja definitiv zählt, weiten die menschliche Wahrnehmung, aktivieren Kreativität und Problemlösefähigkeit und bauen langfristig psychische Ressourcen auf. Genuss ist also nicht Zeitverschwendung, sondern Resilienz-Training.
Der Genuss korreliert zudem mit Sinnesreizungen: Je mehr Sinne gleichzeitig angesprochen werden, desto intensiver wird er erlebt. Der Neurowissenschaftler Hans Markowitsch von der Universität Bielefeld konnte belegen, dass sich die Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen durch sinnliche Erfahrungen vermehren und verbreiten. Echter Genuss verändert das Gehirn also messbar und dauerhaft.
Genuss regt unsere Sinne an. Je mehr wir genießen, desto deutlicher steigt unsere Hirnleistung.
Genuss braucht Präsenz und gelegentlich Abstand
Die deutsche Psychologin Renate Frank beschreibt die Voraussetzung für Genuss präzise: Konzentration auf den gegenwärtigen Augenblick, ohne mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, ohne spontane Bewertungen. Die „Kunst“ besteht allein darin, nicht zu urteilen, nicht zu planen, nicht zu vergleichen. Einfach nur im Moment präsent zu sein, sich zu öffnen und unmittelbar wahrzunehmen.
Folglich ist das Nichtstun auch auf Platz eins der Genussmomente. Das Institut für Ernährungspsychologie der Universität Göttingen fragte, was Deutsche genießen: Auf den vorderen Plätzen landeten Entspannen und Ausruhen, erst danach kam das Essen. Echter Genuss beginnt also im Körper und im Geist, nicht auf dem Teller. Das Essen ist nur ein Anlass.
Für Sommerziele bedeutet das: Die besten Genussorte sind nicht jene mit den meisten kulinarischen Angeboten, sondern jene, die am stärksten zur Entschleunigung einladen. Eine Qualität, die man nur durch direkte Begegnung erfährt, und der Bereitschaft, sich darauf einzulassen.
Psychologie Heute fasste es so zusammen: Genuss gilt den meisten Deutschen als wichtig, doch mehr als die Hälfte der Befragten hat das Gefühl, nicht ausreichend zu genießen. Die Erlaubnis, sich Zeit dafür zu nehmen, ist offenbar der eigentliche Engpass.
Die Kunst der polysensorischen Reise
Ein grundlegendes Konzept für genussvolle Exkursionen ist das polysensorische Reisen: ein Reisen, das alle Sinne gleichzeitig anspricht. Es ist das, was Menschen meinen, wenn sie sagen: „Dieser Urlaub hat mich wirklich verändert.“ Nicht ein einzelner Moment ist entscheidend, sondern eine Dichte von Eindrücken, die das Denken aus den gewohnten Bahnen hebt und die mit allen Sinnen erlebt wird.
- Sehen: das Licht, die Architektur, die Landschaft.
- Hören: Musik, Sprache, Natur, Stille.
- Riechen: das mächtigste Tor zur Emotion und Erinnerung.
- Schmecken: das, was eine Region wirklich ist, destilliert auf einer Gabel.
- Spüren: Wärme, Wasser, Wind, den Boden unter den Füßen.
Wer bewusst alle fünf Sinne anspricht, erlebt mehr und erinnert sich länger.

Sommerorte für alle Sinne
Die Provence: ein Gesamtkunstwerk
Es gibt kaum einen Ort auf der Welt, der so konsequent auf alle Sinne gleichzeitig zielt wie die Haute-Provence im Hochsommer. Die Lavendelfelder um Valensole und Sault blühen von Ende Juni bis Anfang August: ein Violett, das Fotografen aus aller Welt anzieht und das in natura noch überwältigt, was jedes Bild verspricht. Der Geruch des Lavendels ist dabei nicht Beiwerk, sondern Hauptdarsteller: Er ist würzig-kräuterig, schwer, fast betäubend an heißen Mittagen.
Dazu kommen die Märkte. Der Marché in L’Isle-sur-la-Sorgue gilt als einer der schönsten Wochenmärkte Frankreichs: Ziegenkäse aus dem Lubéron, Tapenade, die nach Sonne schmeckt, Melonen aus Cavaillon, die in der Reiseführerliteratur eine eigene Kategorie bilden. Tomaten, die noch nach Erde riechen. Thymian und Rosmarin, frisch abgeschnitten.
Die Provence klingt nach Zikaden am Mittag, nach dem Echo von Boule-Kugeln auf staubigen Plätzen, nach dem Knistern von trockenem Laub unter Platanen. Und das Licht, dieses besondere, von Malern seit Jahrhunderten besungene südfranzösische Licht am frühen Abend, macht selbst Gewöhnliches zu etwas Bedeutungsvollem.
Die Provence ist zum langsamen Allein-Reisen gemacht. Sie ist kein Reiseziel, sondern ein Aggregatzustand: Du kommst an, atmest einmal tief durch und bist bereits ein anderer Mensch. Fährst mit dem Rad oder Mietauto von Dorf zu Dorf, ohne Zeitplan. Isst, sobald das örtliche Bistro öffnet. Bleibst auf dem Markt so lange, bis du alles einmal berührt und gerochen hast.
Die Toskana im Juli und August: Hitze als Erfahrung
Die Toskana ist so vielfach beschrieben worden, dass man fast meinen könnte, es gäbe nichts mehr zu entdecken. Das stimmt aber nicht. Die Toskana musst du erlebt haben, nicht gelesen. Im Hochsommer, wenn die Hitze um die Mittagszeit die Straßen leerfegt und nur die Zikaden unbeirrt weitermachen, hat sie eine Qualität, die alle Filter überwältigt.
Die Sensorik beginnt am Morgen: Caffè macchiato, der so anders schmeckt als zuhause, weil das Wasser anders ist, die Maschine anders, der Barista anders. Frisches Schiacciata-Brot, das noch warm ist. Olivenöl, das grün und fruchtig und ein bisschen scharf ist, weit weg vom deutschen Supermarkt. Pecorino, der nach dem Tier und der Weide schmeckt, auf dem es gelebt hat.
Deine Augen folgen sanften Hügellinien, die sich wie ein langsamer Atemzug durch die Landschaft ziehen. Zypressen, die wie Interpunktionszeichen in der Weite stehen. Du siehst Siena, dessen Campo-Platz aus rotem Ziegelstein im Abendlicht glüht wie eine eigene Lichtquelle. San Gimignano mit seinen Türmen, die im Gegenlicht jene Silhouette bilden, die sich allen ins Gedächtnis brennt.
Auch hier kannst du den Lavendel riechen, aber er wird begleitet von Rosmarin, Lorbeer, trockenem Gras, erhitztem Stein. Und der Wein erst: der Brunello di Montalcino, ein Montepulciano direkt beim Winzer verkostet, der Chianti aus einer kleinen Cantina, die keine Website hat und deren Namen du nur durch einen Hinweis auf dem Markt erfahren hast. Hier ist die Weinprobe eine polysensorische Übung: Farbe, Geruch, Geschmack, Nachhall, der Ort, an dem du sitzt.

Slowenien: der unterschätzte Sommergenuss
Slowenien ist eines der bestgehüteten Geheimnisse des europäischen Sommers. Keine Massentouristen, keine langen Warteschlangen, keine Selbstüberdrehung. Stattdessen: Triglav-Nationalpark mit smaragdgrüner Soča, dem wohl schönsten Fluss Europas.
Der Bleder See sieht tatsächlich so aus wie auf den Fotos. Er ist nur stiller, als du erwartest. Und Ljubljana, die Hauptstadt, ist so lebendig und freundlich und überschaubar, dass man sich dort schon nach einem Nachmittag zu Hause fühlt.
Der Genuss beginnt am Markt: Die Tržnica in Ljubljana, jeden Morgen geöffnet, ist ein Kaleidoskop der Saison. Hier gibt es Himbeeren aus dem Hinterland, Honig in zwanzig Variationen, Käse aus dem Karst, frische Forelle. Dazu die Küche Sloweniens selbst, die kaum bekannt ist und genau darin ihren Reiz hat: mediterrane Leichtigkeit im Süden, alpines Herzhaftes im Norden, mitteleuropäische Eleganz in den Städten.
Akustisch untermalt wird dein Aufenthalt durch die Soča, die über Kiesel rauscht. Durch die Stille im Triglav-Nationalpark, unterbrochen nur von Adlern und Wind. Die Brücken und Straßencafés von Ljubljana am Abend, wenn sich die Stadt mit Menschen füllt, die nicht hetzen. Slowenien klingt nach Entschleunigung.
Sensorisch erlebst du das Gletscherwasser der Soča, das so kalt ist, dass du kurz keuchst, bevor du aufhörst, an alles andere zu denken. Das Gras an einem Seeufer. Die Wärme der Holzbalken in einer alten Almhütte nach einem langen Aufstieg. Slowenien ist der Beweis, dass Europa noch Orte hat, die man nur kennen kann, wenn man hingefahren ist, weil sie nicht längst in allen Medien breitgetreten wurden.
Sizilien: Intensität als Sommergenuss
Sizilien ist nichts für Halbherzige. Die Insel ist in jeder Hinsicht zu viel: zu heiß, zu laut, zu reich, zu alt, zu komplex, zu köstlich. Aber wenn du dich darauf einlässt, wirst du beschenkt wie selten.
Das Essen ist das Offensichtlichste: Arancini, die in sizilianischen Familien nach Jahrhunderte alten Familienrezepten gemacht werden. Pasta alla Norma, die Aubergine, Tomaten und gesalzene Ricotta so zusammenbringt, dass man versteht, warum einfache Küche die beste sein kann.
Granita di caffè zum Frühstück in Catania, mit Brioche: ein Geschmackserlebnis, für das allein sich die Reise lohnt. Thunfisch, der noch am Morgen im Meer war. Caponata, die süß-saurer ist, als man es je erwartet hat.
Aber Sizilien ist mehr als die Küche. Sehenswert ist Agrigent mit seinen griechischen Tempeln, die in der Abendsonne goldgelb leuchten und zwei Jahrtausende Geschichte mit einer solchen Selbstverständlichkeit tragen, dass man sprachlos wird. Taormina, überlaufen, aber mit einem Theater-Blick auf den Ätna und das Meer, der unüberbietbar ist.
Und die Gerüche dazu: die Orangenblüte im Frühsommer, das Orangenblütenöl das ganze Jahr. Der Schwefelgeruch an vulkanischen Strandabschnitten, der befremdlich anfängt und vertraut endet. Das Meer, das nach Salz und Tiefe und etwas Uraltem riecht.
Ganz Sizilien klingt nach Menschenlärm. Nach Motorini, nach Abendunterhaltungen auf Piazze, nach Kirchenglocken, die nicht fragen, ob man gerade schläft. Es ist kein ruhiger Ort. Aber in dieser Unruhe liegt eine Energie, die das eigene Nervensystem auflädt.

Die dänische Küste: nordischer Sommer als Kontrastprogramm
Wenn du Hitze nicht magst oder einfach etwas vollkommen anderes willst, findest du an der dänischen Westküste, etwa auf Fanø, Römø oder an der Nordseeküste zwischen Esbjerg und Skagen, einen Sommergenuss, der mit allem bisher Genannten wenig gemeinsam hat und gerade deshalb so stark ist.
Das sommerliche Licht im Norden ist ein Phänomen für sich: weich, diffus, niemals wirklich direkt und deshalb von einer Qualität, die Fotografen und Maler seit Jahrhunderten anlockt. Es fällt anders auf Wasser und Sand als südliches Licht: gedämpfter, aber auch ehrlicher. Skagen, ganz oben an der Spitze Jütlands, wo die Nordsee auf den Kattegat trifft, war deshalb im 19. Jahrhundert Heimat der berühmten Skagen-Malerschule. Heute noch verstehst du bei einem Besuch, warum.
Du kannst die Nordseebrise spüren, die nach Jod und weitem Wasser riecht. Sand, der so fein ist, dass er zwischen den Zehen wegrinnt wie Wasser. Die frische Kälte des Meerwassers, die jeden Gedanken an zu Hause abkühlt. Und du hörst das tiefe Rauschen der Nordsee, gleichmäßig und beruhigend wie ein langer Atem.
Du isst das dänische Smørrebrød. Oder in einem Hafen-Fischrestaurant Hering, Garnelen, Räucherlachs, auf dunklem Roggenbrot, mit einem Øl dazu. Einfach und präzise. Die dänische Küche ist keine überwältigende; sie ist eine ehrliche. Was sie anbietet, hat sie wirklich gemeint.
Wien im Sommer: Hochkultur als sensorisches Erlebnis
Wien ist kein klassisches Sommerziel. Die Stadt ist heiß, kann überlaufen sein, hat nicht das Meer. Und trotzdem: Wien im Sommer, besonders für ein langes Wochenende, ist für Genießer ein Erlebnis eigener Klasse: wegen der Dichte an Weltklasse-Kunstgütern, der Musikkultur und einer Kaffeehauskultur, die ihresgleichen sucht.
Zu sehen gibt es viel, fast zu viel: das Kunsthistorische Museum mit einer der bedeutendsten Gemäldesammlungen der Welt. Das Belvedere mit Klimts „Kuss“, dem Bild, das man zu kennen glaubt und das einen trotzdem trifft, wenn man davor steht. Die Schönheit der Ringstraßenarchitektur, die trotz allem, was man über historistischen Prunk denken mag, atemberaubend ist.
Das Gleiche gilt fürs Hören: die Wiener Philharmoniker, aber nicht im Konzerthaus. Draußen, im Sommerkonzert im Schönbrunner Park, wo die Musik unter freiem Himmel gespielt wird und der Eintritt frei ist. Oder Jazz im Jazzland, dem ältesten Jazzkeller Österreichs, wo die Akustik der Gewölbe zur zweiten Geige wird.
Das Riechen und Schmecken kommt in einem Kaffeehaus wie dem Café Hawelka oder dem Café Central auf seine Kosten. Einzigartig ist das Ritual aus Melange, Zeitungen, Marillenknödel, stundenlangem Sitzen, ohne dass jemand fragt, ob man noch etwas bestellen möchte.
Es heißt, Wien habe die Kaffeehauskultur erfunden, um dem Genuss einen Ort zu geben, an dem er bleibt, so lange er will. Das solltest du dir merken, wenn der Kellner zum dritten Mal an dir vorbeischaut, ohne zu fragen. Wien ist die Erlaubnis, zu genießen, ohne sich zu rechtfertigen.
Das Elsass: wo Frankreich auf Deutschland trifft und beides gewinnt
Das Elsass ist ein Genussparadoxon: Es ist klein, überschaubar, vielerorts touristisch erschlossen, und trotzdem immer wieder überraschend. Die Region zwischen Vogesen und Rhein vereint die Weinkultur Frankreichs mit der Küchentiefe des deutschen Sprachraums und entwickelt daraus etwas Eigenes, das weder das eine noch das andere ist.
Das Essen umfasst Flammkuchen aus einem Holzofen, frisch aus der Asche gezogen, zum Reinbeißen. Choucroute garnie, das Sauerkraut der Franzosen, in einer Winstub bei einem Riesling aus dem Bas-Rhin. Foie gras, die elsässische Spezialität, die ethisch umstritten und doch geschmacklich unvergleichlich ist. Kougelhopf zum Frühstück, Mirabellen in allem.
Sehenswert sind Colmar, die Stadt mit dem Viertel La Petite Venise, dem wohl fotogeniertesten Dorf Frankreichs: Fachwerk, Blumenkästen, Kanäle, Enten. Straßburg mit seinem mittelalterlichen Zentrum und dem roten Münster. Riquewihr, ein Weindorf, das so perfekt erhalten ist, dass es wie eine Filmkulisse wirkt, aber echt ist.
Das Elsass ist, entlang der Weinstraße dems Summen von Bienen über Rebstöcken zuzuhören. Den Geruch von Holzrauch aus einer Winstub zu riechen. Sommervormittage zu genießen in Dörfern, die aussehen, als wäre die Zeit zwischen 9 und 11 Uhr besonders langsam.
Das Mittelmeer abseits der Massen: Kroatien, Apulien, Cres
Wenn du im Sommer das Mittelmeer willst, aber nicht nach Dubrovnik im August oder Mallorca im Juli, findest du in einigen weniger bekannten Ecken alles, was Sommer am Mittelmeer verspricht, nur ohne die Massen.
Cres, die kroatische Insel nördlich der Kvarner Bucht, ist so wenig erschlossen, dass du im Hochsommer noch einsame Buchten findest. Das Wasser ist so klar, dass die Felsformationen am Grund wie unter Glas liegen. Das Licht auf weißem Kalkstein im Mittag ist so hell, dass es schmerzt, und wird nach Sonnenuntergang zum sanftesten Orange, das die Adria kennt.
Apulien, der Absatz des Stiefelschafts, ist kulinarisch eines der aufregendsten Reiseziele Italiens und gleichzeitig eines der unbekanntesten. Burrata, die am Vormittag gemacht wurde. Orecchiette mit Cime di Rapa, dem bitteren Strunkkohl, der hier seit Jahrhunderten angebaut wird.
Primitivo-Wein, der so dunkel und reich ist, dass ein einzelnes Glas reicht. Das Castel del Monte, Federicos II. Oktogon-Burg auf einem Hügel, ist so schön und rätselhaft, dass die Unesco es schützt.

Genuss als Singles: Die besondere Freiheit
All diese Orte kann man zu zweit oder in einer Gruppe besuchen. Und viele Menschen tun das, und genießen sie sehr. Aber es gibt eine spezifische Qualität des Genusses, die das Alleinreisen ermöglicht und die mit einem anderen Menschen nicht entsteht: die vollständige Verfügbarkeit der eigenen Aufmerksamkeit.
Wenn du allein auf einem Markt in Sizilien bist, riechst du das, was dich anzieht, nicht das, über das gerade gesprochen wird. Du bleibst so lang wie du willst vor dem Stand mit der Ricotta salata. Oder du kaufst die Portion Granita, obwohl es erst zehn Uhr morgens ist, weil du es willst.
Du sitzt im Kaffeehaus in Wien zwei Stunden mit einer Melange und einem Buch, ohne dass jemand ungeduldig wird. Du schwimmst allein in der Bucht bei Cres, schaust aufs Meer und denkst an nichts und an alles zugleich.
Wie oben gesagt: Genuss braucht Präsenz. Und Präsenz entsteht am besten, wenn du niemandem außer dir selbst gegenüber rechenschaftspflichtig bist.
Das Schönste am Alleinreisen ist nicht die Freiheit der Route. Es ist die Freiheit der Aufmerksamkeit. Du schenkst sie vollständig dem Augenblick und dem Ort.
Ein letzter Gedanke
Genuss ist, wie die Forschung zeigt, keine Frage des Budgets und auch keine Frage des Glücks. Er ist eine Fähigkeit, und er braucht, wie alle Fähigkeiten, Übung. Die schönste Übung, die es dabei gibt: Orte aufsuchen, die zur Intensität des Erlebens einladen. Orte, die riechen und klingen und schmecken und leuchten.
Die Provence im Lavendelmonat. Slowenien mit seiner smaragdgrünen Soča. Siziliens überwältigende Küchenkultur. Der stille Norden der dänischen Küste. Wien, das die Erlaubnis zum Genuss in Form eines Kaffeehauses institutionalisiert hat. Das Elsass zwischen den Kulturen. Das Mittelmeer, abseits der bekannten Pfade.
Du brauchst nicht alle. Einen davon. Diesen Sommer. Genuss beginnt mit der Entscheidung, sich ihm zu widmen. Nicht irgendwann. Jetzt. In diesem Sommer. An diesem Ort.
Wo fährst du hin?
Quellen
Bernecker, Katharina / Becker, Daniela: Beyond Self-Control: Mechanisms of Hedonic Goal Pursuit and Its Relevance for Well-Being. Personality and Social Psychology Bulletin, 47(4), 627–642, 2021. (Universität Zürich / Radboud Universität) – Die Motivationspsychologinnen Katharina Bernecker und Daniela Becker legten mit dieser Studie den ersten empirisch fundierten Nachweis vor, dass hedonistische Fähigkeit, die Fähigkeit, sich dem Genuss ungeteilt hinzugeben, ein eigenständiger Prädiktor für Lebenszufriedenheit und psychische Gesundheit ist. Menschen mit hoher Genussfähigkeit leiden messbar seltener an Depression und Angstsymptomen. Die Forscherinnen plädieren dafür, hedonistische Fähigkeit in der psychologischen Forschung gleichwertig neben Selbstkontrolle zu behandeln.
Fredrickson, Barbara L.: The Role of Positive Emotions in Positive Psychology: The Broaden-and-Build Theory of Positive Emotions. American Psychologist, 56(3), 218–226, 2001. (University of North Carolina) – Barbara Fredricksons Broaden-and-Build-Theorie ist heute eines der meistzitierten Modelle der Positiven Psychologie. Sie zeigt, dass positive Emotionen, zu denen Genuss zentral gehört, die Wahrnehmung weiten, Kreativität und Problemlösefähigkeit aktivieren und langfristig psychische Ressourcen aufbauen. Die Befunde wurden auf neuronaler Ebene bestätigt. Die Theorie ist Grundlage für zahlreiche Anwendungen in Psychotherapie, Coaching und Wohlbefindenspädagogik.
Weidt, Birgit: Dieser Genuss! Psychologie Heute, 09.01.2019. Darin zitiert: Hans Markowitsch, Universität Bielefeld – Der Neurowissenschaftler und Gedächtnisforscher Hans Markowitsch (Universität Bielefeld) erläuterte in diesem Beitrag, dass sinnliche Erfahrungen die Verknüpfungen zwischen Nervenzellen vermehren und verbreiten und das Hirnvolumen nachweislich zunimmt. Genuss ist demnach nicht nur angenehm, sondern wirkt sich messbar auf die Struktur des Gehirns aus. Diese Aussage wurde in Psychologie Heute und mehreren Gesundheitsmagazinen als Grundlage für populärwissenschaftliche Darstellungen des Genussthemas verwendet.
Frank, Renate: Wohlbefinden fördern: Positive Therapie in der Praxis. Klett-Cotta, Stuttgart, 2010 – Die deutsche Psychologin und Psychotherapeutin Renate Frank entwickelte ein praxisnahes Modell der Genussfähigkeit, das in der Verhaltenstherapie verankert ist. Zentrale These: Genuss setzt Konzentration auf den gegenwärtigen Augenblick voraus, ohne Multitasking, ohne Bewertung. Eine neutrale Beobachterperspektive fördert Gelassenheit und Wohlbefinden. Franks Ansatz wird heute in therapeutischen Kontexten zur Genussschulung eingesetzt.
Alle verlinkten Quellen wurden im Juli 2026 abgerufen. Die Inhalte geben den Stand der wissenschaftlichen Diskussion zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder.
Fotos von Derek Thomson, Giulia Squillace, Sébastien Jermer, Matteo Bartolini, Daniel J. Schwarz und Matthias Mullie auf Unsplash

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