Hinter der Scheibe eines Cafés sitzen ein Mann und eine Frau an einem Tisch. Sie stoßen mit Kaffeetassen an.
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Dating ohne Erwartungsdruck

Bevor wir alle online waren, bestand die Schwierigkeit darin, überhaupt einen passenden Menschen für eine Beziehung zu finden. Seit es Dating-Plattformen gibt, hat sich dieses Problem ins Gegenteil verkehrt und Paarungswillige gibt es beinahe im Überfluss. Jetzt swipen wir wie um unser Leben. Optimieren unsere Profile, um aus der Masse hervorzustechen. Und wenn es dann zum Date kommt, haken wir Checklisten ab und versuchen, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Dass dabei echte Verbindung entsteht, ist aber ziemlich unwahrscheinlich.

Dating ist zu einem Wettbewerb verkommen, in dem wir vor allem vor uns selbst davonlaufen.

Die Erschöpfung hinter dem Wischen

Kein Wunder, dass immer mehr Singles von Dating gefrustet sind. So zeigte eine von der KKH in Auftrag gegebene Umfrage, dass acht von zehn Singles beim virtuellen Dating negative Gefühle bis hin zu depressiven Gedanken äußerten. Etwa 14 Prozent der Menschen, die regelmäßig Dating-Apps nutzen, leiden unter Erschöpfung durch Monotonie und Misserfolge, wie Prof. Dr. Wera Aretz in ihrer Studie „Hate to date“ herausfand.

Die Sozialpsychologin Dr. Johanna Degen, besser bekannt unter ihren Pseudonymen Dr. Tinder und Dr. Love, konnte sogar zeigen, dass Online-Dating zu Stress, Essstörungen, suchtähnlichem Verhalten und Selbstwertproblemen führen kann. Drastische Erlebnisse wie Ghosting, der abrupte Kontaktabbruch ohne Erklärung, können die Beziehungsfähigkeit negativ beeinflussen.

Die anfängliche Freude über die vielfältigen Möglichkeiten des Online-Datings ist also einer gewissen Ernüchterung gewichen. Der Bestsellerautor Michael Nast geht in seinem letzten Buch sogar so weit, einen Dating-Burnout zu konstatieren. Dessen Symptome sind:

  • Emotionale Erschöpfung nach Dates oder schon beim Gedanken daran
  • Zynismus gegenüber potenziellen Partnerinnen und Partnern
  • Das Gefühl, dass alle Menschen oberflächlich oder unehrlich sind
  • Selbstzweifel: „Mit mir stimmt etwas nicht“
  • Gleichgültigkeit gegenüber Menschen allgemein
  • Verminderte Leistungsfähigkeit im Alltag

Wie konnte es dazu kommen?

Zwei Smartphones liegen nebeneinander auf einer blauen Decke. Auf ihrem Dispaly steht jeweils "It's a match!"

Was Dating-Apps so attraktiv macht

Der Siegeszug der Dating-Apps begann mit ihrer Einfachheit. Sie ermöglichen uns, Menschen in fast beliebiger Zahl kennenzulernen, und wir müssen fast nichts dafür tun. Einmal installiert und eingerichtet, liefern sie uns Matches in fast beliebiger Zahl und wo immer wir wollen. Morgens in der U-Bahn, mittags beim Lunch, abends vor dem Fernseher und zur Sicherheit nochmal vor dem Einschlafen, schließlich wollen wir nichts verpassen.

Denn das Online-Dating verlangt durch seine ständige Verfügbarkeit auch permanente Verfügbarkeit: Wenn du erfolgreich sein willst, musst du ständig on sein, schnell reagieren und multitasken. Je mehr Kontakte du parallel pflegst, desto wahrscheinlicher ist der Erfolg, besagt der Mythos. Das Gegenteil ist der Fall: Je mehr Bälle du gleichzeitig in der Luft halten willst, desto eher wirst du alle verlieren.

Dazu kommt: Wenn theoretisch Tausende für eine Partnerschaft in Frage kommen, warum solltest du dich festlegen? Woher weißt du denn, dass nicht jemand daherkommt, der noch ein bisschen besser zu dir und deinen Erwartungen passt, wenn du noch eine Weile wartest? Wenn du noch weitere Menschen kontaktierst? Diese Logik führt zu endlosem Suchen, ständigem Vergleichen und der Unfähigkeit, sich wirklich auf jemanden einzulassen.

Also wischen wir weiter, durch perfekte Bilder, optimierte Profile, auch das ein Phänomen, das das Medium durchzieht. Um ganz sicher einen guten Eindruck zu hinterlassen, sind viele Profile glatt und damit austauschbar, durch zig Filter und Vorlagen optimiert.

Und wir? Wischen sie beiseite wie lästige Fliegen. Unsere Geduld und Aufmerksamkeit schwinden ebenso wie unsere Bereitschaft, uns Zeit für echte Begegnungen mit ungewissem Ausgang einzulassen.

Dating ist zur Routine verkommen, zum Zeitvertreib. Wir daten, um unsere innere Leere zu füllen.

Die Sucht nach Bestätigung

Auf der anderen Seite sind wir aber gekränkt, wenn wir keine Bestätigung erhalten. Wenn wir nicht genügend Anfragen erhalten, unsere eigenen unbeantwortet bleiben oder gar abgelehnt werden. Und wenn dann auch die 75. Optimierung unseres Profils nicht zum Dating-Erfolg führt, rutscht unser Selbstwertgefühl in den Keller. Die Folge sind psychische Probleme, wie oben beschrieben.

Der Grund, warum wir diese Apps so intensiv nutzen, liegt indes tiefer. Dating-Apps nutzen, ebenso wie Social Media, das Belohnungssystem des Gehirns aus. Mit jedem Wisch wird eine kleine Portion Dopamin ausgeschüttet.

Jedes neue Profil, jeder Match wirkt wie ein Gewinn am Spielautomaten. Doch ständige Dopaminzufuhr führt zu Herzrasen, Bluthochdruck, vermehrtem Schwitzen, Schlafstörungen und innere Unruhe. Fällt der Botenstoff hingegen weg, sind Müdigkeit, Antriebslosigkeit und verminderte Motivation die Folge.

Also bleiben wir dabei und bedienen unsere Sucht, wenn wir durch die Matches swipen. Doch wenn wir innehalten, werden wir uns dessen bewusst. Etwa dann, wenn wir im Bett endlich zur Ruhe kommen und in der Stille um uns die Einsamkeit erwacht.

Die Macht sozialer Erwartungen

Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir in gemischtgeschlechtlichen Paarbeziehungen leben sollen, so will es der soziale Narrativ. Mit Mitte 20 solltest du dich langsam festlegen, mit Ende 20 verlobt sein, mit Anfang 30 heiraten, mit Mitte 30 Kinder bekommen und so weiter. Diese Timeline ist nicht offiziell, aber sie ist mächtig.

Wir Singles gelten als unvollständig oder bedürftig, selbstsüchtig und unsozial. Diese Vorstellung haben wir alle internalisiert, und wir folgen ihnen mehr oder weniger, denn wir bekommen sie ja auch ständig zu hören. Etwa durch Tante Gerda, die auf Familienfeiern jedes Mal „Und, immer noch Single?“ fragt. Oder durch Hochzeitsfotos und Kinderbilder auf Instagram, die deine Feeds überschwemmen.

Doch wenn wir suchen, müssen wir unser Bemühen verheimlichen. Bedürftigkeit und echte Not sind out. Der Zeitgeist fordert, dass wir auf Apps zurückgreifen, statt uns im realen Leben auf die Suche nach unserem Widerpart begeben, denn damit würden wir unser Umfeld kompromittieren.

Dazu kommt: Die Gelegenheiten fürs Offline-Dating schwinden. Die Kirchweih, auf der früher der Bund fürs Leben geschlossen wurde, ist längst zur Bierzeltgaudi verkommen, wenn sie überhaupt noch existiert. Das Dating am Arbeitsplatz, auch eine der Eheanbahnungsformen der Vergangenheit, wird immer schwieriger, wenn Anwesenheitszeiten flexibel gehandhabt werden, immer mehr Menschen von zuhause aus arbeiten und sich Kontakte gerade in multinationalen Konzernen aufs wöchentliche Online-Meeting beschränken. Und dank Corona ist mit dem Discobesuch auch die Paarungsbörse der Gegenwart weggefallen.

Soziale Normen schreiben uns vor, wie wir unser Leben zu gestalten haben, manchmal auch gegen unsere eigenen Erwartungen.

Die letzte verbliebene Bühne

Übrig bleibt also die Dating App, und mit ihr der Zwang, dort zu brillieren. Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck, wie der alte Spruch besagt, und dort gilt das mehr als anderswo. Wenn du nicht sofort überzeugst, wirst du weggewischt und hast keine Chance, deinen Fauxpas wieder wettzumachen. Als Folge sind die Profile so gepimpt, dass sie mit den Menschen dahinter etwa so viel zu tun haben wie Immobilienanzeigen mit den tatsächlichen Objekten. Alles geschönt und verkaufsoptimiert.

Fast schon logisch, dass dann auch das eigentliche Daten zum Schaulaufen verkommt, bei dem man sich selbst möglichst positiv zeigt und andererseits versucht, die möglichen Schwachpunkte des Gegenübers zu entlarven. Es geht zu wie im Vorstellungsgespräch, auch, weil auf die Stelle deiner Lebensabschnittspartnerschaft sich gleich Dutzende bewerben. Der entstehende Widerspruch ist perfide: Einerseits wird erwartet, dass du dich „festlegst“, andererseits sollst du dabei entspannt und ergebnisoffen bleiben.

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Das Damoklesschwert für Frauen

Für Frauen kommt eine weitere Dimension hinzu: die biologische Uhr, denn die erwartete Paarbeziehung soll ja zur Fortpflanzung führen. Unser ganzes Sozialsystem ist darauf ausgelegt, dass genügend junge Menschen nachrücken, um die Älteren finanziell abzusichern. Dass dies längst nicht mehr funktioniert und dieser Zug wohl endgültig abgefahren ist, steht auf einem anderen Blatt.

Aber der Narrativ von „Love and marriage, baby carriage“ wirkt immer noch fort und er wird mehr oder weniger dezent weitergetragen. Folglich wirst du als Frau ab Anfang 30 auf deine schwindende Fruchtbarkeit hingewiesen, ab 35 kommen dann die Warnungen vor Risikoschwangerschaften hinzu und ähnliche subtile Hinweise darauf, dass deine Zeit abläuft, die Erwartungen der anderen (und vielleicht auch deine eigenen) zu erfüllen.

Dadurch entsteht ein enormer Druck, egal, wie berechtigt die Sorgen im Einzelfall tatsächlich sind. Und so wird jedes Date nicht nur zur Frage, ob diese Person wirklich zu dir passt, sondern immer mehr auch danach, ob du noch die Zeit hast, es mit jemand anderem zu versuchen, falls es nicht klappt.

Dabei müsste, bei aller Unsicherheit, die Zukunft immer mit sich bringt, die entscheidende Frage, auch für uns Männer, lauten: Kann ich mir vorstellen, mit dieser Person das gemeinsam gezeugte Kind auch wirklich großzuziehen? Ist er oder sie nicht nur perfekt fürs Bett, sondern potenziell auch eine fürsorgliche Mutter, ein treusorgender Vater?

Ein Mann sitzt ein einer Nische eines Cafés. Er stützt den Kopf auf seine linke Hand und blickt konsterneiert auf den Bilschirms des Laptops, der vor ihm auf dem Tisch steht.

Der Soulmate-Mythos

Das andere Bild, dem wir nur allzu gern folgen, weil es so romantisch ist wie eine Hollywood-Lovestory ist die Idee, es gäbe da draußen „The One“, die eine Person, die perfekt zu uns passt. Bei der du sofort spürst, dass die Chemie stimmt, dass ihr perfekt zusammenpasst, füreinander bestimmt sein und bis ans Ende eurer Tage glücklich leben werdet. Dieser Mythos ist nicht nur unrealistisch, er ist nachgerade schädlich, denn er suggeriert, dass es nur eine richtige Person gibt, und dass die Verbindung sofort stimmen muss.

Dazu kommt, dass wir diese Person mit Erwartungen maßlos überfrachten. Mr. oder Mrs. Right muss gut aussehen, gebildet sein, ein sicheres Einkommen haben, gut im Bett sein, im Haushalt unterstützend und erfolgreich im Beruf, ebenso stark sein wie einfühlsam, eine Schulter zum Anlehnen ebenso wie unser Motivator, Kummerkasten, Feedbackgeber, Muse und so weiter.

Diesem Bild laufen wir viel zu oft hinterher, statt es zu hinterfragen. Machten wir dies, würde uns schnell klar, dass es einen solch idealen Menschen im richtigen Leben nicht gibt. Und dass wir, gäbe es ihn doch, mit unserem Schwächen und Macken nie gleichwertig wären, egal, wie weit wir unsere Selbstoptimierung treiben. Was wir suchen, treibt uns ins Scheitern.

Als Folge setzen wir jedes Date unter den Druck, zu diesem epiphanischen Ereignis zu werden. Dies ist indes zum Scheitern verurteilt, denn der Aufbau tiefer, tragfähiger Beziehungen braucht Zeit zum Wachsen, sich aufeinander einzulassen. Und die Chance zu scheitern, um daraus neue Erfahrungen zu gewinnen.

Wir scheitern an den Lasten, die wir uns selbst auferlegen – und an unseren Erwartungen an die anderen.

Der selbst auferlegte Perfektionismus

Der mächtigste Druck ist aber der, den wir uns selbst auferlegen, mit unserer Checkliste im Kopf, für uns selbst und unser Gegenüber. Wir scannen ständig, wie das, was wir sagen, wie wir uns verhalten, bei dem oder der anderen ankommt. Wir inszenieren uns, versuchen zu gefallen, verstellen uns. Das Date wird zur Performance, bei der wir eine Rolle spielen, statt wir selbst zu sein.

Unsere größte Angst gilt negativer Bewertung oder gar Ablehnung. Wir fürchten, den Erwartungen der anderen Person nicht gerecht zu werden. Doch je mehr Druck wir empfinden, desto mehr verkrampfen wir; unserem Gegenüber geht es vermutlich ähnlich. Und weil wir das wie sie auch bemerken, schaukeln sich Angst, Druck und Verkrampfung auf, nicht nur bei diesem Mal, sondern von Date zu Date. Ein Teufelskreis.

Auf der anderen Seite prüfen wir, ob unser Gegenüber sich so verhält, wie wir es von unserem künftigen Partner, unserer künftigen Partnerin erwarten. Manche von uns machen sich regelrechte Checklisten, die sie im Tête-à-Tête gedanklich abarbeiten. Doch je länger, je detaillierter diese Liste ausfällt, desto größer ist die Chance, dass der Mensch uns gegenüber ihr nicht genügt.

Als Folge sind wir immer kürzer angebunden. Weil uns unsere eigene Unsicherheit und die der Person uns gegenüber stresst, geben wir ihr und uns immer weniger Zeit. Nach fünf Minuten entscheiden wir, ob diese Person zu uns passt oder nicht. Ein falsches Wort, ein ungünstiger erster Eindruck, und schon ist auch dieses Date abgehakt. Doch diese Schnelligkeit raubt uns die Chance, unser Gegenüber wirklich kennenzulernen.

Ein Mann und eine Frau sitzen im Gegenlicht auf einer Bank auf einem Berg. Er legt den linken Arm um ihre Schulter.

Die Spirale der Enttäuschung

Und so stapeln wir Enttäuschung auf Enttäuschung. Und das bleibt nicht folgenlos. Mit jedem Misserfolg schwindet unsere Erwartung, unser Verhalten und unsere Wahrnehmung verändern sich. Wir stumpfen ab, werden mutlos, zynisch, verbittert, und diese Signale senden wir an unser Gegenüber. Wer allerdings nicht mehr an den Erfolg seiner Bemühungen glaubt, sabotiert sich selbst. Warum nur tun wir uns das an?

Michael Nast hat darauf eine unbequeme Antwort: Weil wir uns selbst davonlaufen. Indem wir immer weiter daten, vermeiden wir, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen. Unseren Schmerz und unsere Bedürfnisse zu erkennen. Unsere Baustellen wahrzunehmen und bei uns selbst aufzuräumen. Und damit die Grundlage zu legen für eine Beziehung, die wirklich gelingt.

Der Gegenentwurf

Was wäre, wenn wir Dating völlig anders angingen? Wenn wir keine Rolle spielten und keine Checkliste abhakten? Neugierig und entspannt auf unser Gegenüber zugingen?

Wenn wir uns und der anderen Person die Zeit geben, sich zu öffnen, und das, was kommen mag, auf uns zukommen ließen? Gesetzt der Fall, unsere Erwartung an ein Date wäre nur, einen anderen Menschen kennenzulernen, eine neue Erfahrung zu machen, unabhängig davon, was daraus entsteht?

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Die Love-Loreing-Perspektive

Der Dating-Trend Love Loreing geht genau in diese Richtung. Hier steht das Sammeln von Geschichten im Vordergrund, nicht die Suche nach einem Partner oder einer Partnerin. Zu diesem Zweck verabreden sich Singles, um gemeinsam Erfahrungen zu sammeln, zu teilen und vielleicht eine gemeinsame Liebesgeschichte zu schreiben.

Wesentliche Merkmale dabei sind:

  • Der Fokus liegt auf Spaß, dem Genuss, dem Moment und dem gemeinsamen Erleben, nicht dem Match.
  • Das Date dient der Entwicklung der Geschichte. Beide sind gespannt, welche Wendungen sie nimmt, und gestalten diese mit.
  • Es gibt keine festen Regeln, aber viel Raum fürs Ausprobieren. Spielerisch lotet ihr die Möglichkeiten auf, eure Geschichte fortzuschreiben.
  • Alles kann, nichts muss. Gemeinsames Wachstum ist möglich, aber nicht zwingend.

Weil die spielerische Gemeinsamkeit im Vordergrund steht, tritt der Erwartungsdruck konventioneller Begegnungen in den Hintergrund. Dafür entsteht die Grundlage für alles Mögliche von der netten Bekanntschaft über die gute Freundschaft bis zur großen Liebe.

Eine Frau und ein Mann fahren gemeinsam in einem Achterbahnwaggon.

Die Drei-bis-fünf-Dates-Regel

ChemRIZZtry (ein Amalgam aus Chemistry und Rizz, kurz für Charisma) ist ein weiterer Dating-Trend neben Love Loreing. Er trägt der Tatsache Rechnung, dass Anziehung eben nicht auf den ersten Blick entsteht, sondern durch echte Momente der Verbindung, durch Witz und durch Ausstrahlung. Damit diese wirksam werden können, braucht es erfahrungsgemäß mindestens drei bis fünf Aufeinandertreffen.

Beim ersten seid ihr beide noch nervös, ab dem zweiten beginnt ihr euch zu entspannen und füreinander zu öffnen. Beim dritten Date scheint dann so langsam eure echte Person durch die Fassade, beim vierten und fünften Mal seht ihr, wie ihr wirklich seid, welche Gemeinsamkeiten es gibt und wie sich zusammen verbrachte Zeit anfühlt. Dies sind wichtige Grundlagen, um über hopp oder topp zu entscheiden.

Dieser Ansatz erfordert Geduld, bietet aber Möglichkeiten, die in der Hektik des üblichen Datings nicht entstehen können. Er verpflichtet dich zu nichts, noch nicht einmal zu einer Mindestanzahl von Treffen. Denn wenn du irgendwelche Warnsignale wahrnimmst, darfst und sollst du die Reißleine ziehen.

Der Atavismus

Und dann gibt es da noch die eine Sache, die so trivial scheint in Zeiten des Online-Dating, dass ich mich kaum traue, sie zu erwähnen: der klassische Flirt, die spielerische, unverbindliche Annäherung zwischen zwei Menschen, bei der durch Blicke, Gesten oder Worte gegenseitiges Interesse und erotische Spannung signalisiert werden. Auch er ohne festes Ziel, ohne Verpflichtung, ergebnisoffen aus der Gelegenheit, die sich dazu ergibt.

Und davon gibt es wahrlich genug: In der Schlange an der Supermarktkasse, morgens im Bus, mit der Person am Nebentisch im Café. Einzige Voraussetzung dafür ist, dass du offen bist und dich traust. Ein Lächeln schenkst, etwas fragst oder um etwas bittest. Ein bisschen Smalltalk machst und schaust, was sich daraus entwickelt.

Zurückweisung ist auch da möglich, vielleicht auch nur, weil dein Gegenüber gerade keine Zeit oder Lust auf eine Unterhaltung hat, aber die Fallhöhe ist geringer. Du musst nur den ersten Schritt machen und dann schauen, ob sich daraus etwas ergibt und, wenn ja, was.

Der klassische Flirt ist im Zeitalter des Online-Datings fast schon atavistisch. Doch es ist lohnenwert, sich auf ihn einzulassen.

Sei neugierig statt zu bewerten

Gerade diese Ergebnisoffenheit ist essentiell: Statt sofort zu prüfen, ob dein Gegenüber vielleicht deine künftige Partnerin oder dein kommender Partner ist, trittst du ihr offen und neugierig gegenüber. Checke nicht, ob er oder sie deine Kriterien erfüllt, sondern frage:

  • Wer ist diese Person?
  • Was begeistert sie?
  • Was treibt sie an?
  • Was hat sie zu der Person gemacht, die sie heute ist?
  • Wie sieht sie die Welt?
  • Was macht sie besonders?
  • Wo liegen ihre Werte?
  • Was verbindet uns?
  • Was kann ich von ihr lernen?

Zugewandtheit und Neugierde verändern jedes Gespräch. Plötzlich ist da keine Prüfung mehr, sondern ein Austausch. Ihr werdet von KandidatInnen zu ForscherInnen, EntdeckerInnen.

Ihr beginnt eine gemeinsame Geschichte zu entwickeln, auch wenn diese vielleicht nur ein paar Augenblicke lang dauert. Doch sie liefert auch die Chance für eine Fortsetzung.

Eine Hand hält eine Karte mit der Aufschrift "What can you do today that you couldn't do a year ago?" in die Kamera.

Die ermutigende Wahrheit

Die Grundlage der erfolgreichen Suche nach einer Partnerin oder einem Partner ist jedoch Selbstannahme. Dein Wert hängt nicht davon ab, ob du in einer Beziehung bist oder ein Singleleben führst. Du brauchst keine andere Person, um vollständig zu sein.

Eine liebevolle Partnerschaft kann bereichernd sein, eine toxische Beziehung ist gefährlich. Das Zusammenleben mit einer anderen Person ist keine Voraussetzung für ein gutes Leben – im Gegenteil: Alle Paarmenschen, die ich kenne, beneiden uns Singles um unsere Freiheiten. Und je mehr du dies wertschätzt, je mehr du dir selbst genügst, desto größer ist deine Chance auf eine echte, erfüllte Partnerschaft.

Der Druck, den du bei der Suche nach einer Paarbeziehung empfindest, ist das Resultat gesellschaftlicher Erwartungen und kultureller Narrative. Wie du damit umgehst und was du daraus machst, ist allerdings deine Sache. Du entscheidest, ob du dich ihm beugst, oder ob du deinen eigenen Weg findest.

Dazu gehört auch, dich mit dir selbst auseinanderzusetzen. Dir klarzumachen, was für dich eine Partnerschaft ausmacht, was du an Menschen schätzt und welche Werte sie teilen müssen. Aber eben auch, was du dazu beisteuerst, und wo du noch an dir arbeiten musst, um eine gute Beziehung führen zu können.

Wichtig ist, dass du deine Erwartungen runterschraubst. Dass du, wie beschrieben, jedem Anfang die Chance gibst, zu wachsen, sich zu entwickeln, statt ihn mit Erwartungen zu überfrachten. Und dabei immer die Möglichkeit im Kopf behältst, dass es scheitert. Nichts muss gelingen.

Sei sanft mit dir

Es wird Tage geben, an denen du entspannt, authentisch, offen und witzig bist und es dir leicht fällt, auf andere zuzugehen. Und solche, an denen der Druck wieder in dir ist, die Angst, die Verzweiflung. Das ist normal, das ist menschlich. Du bist kein Versager, wenn dir das passiert. Sei sanft mit dir.

Vergiss nie, dass es jedes Mal nur ein Date ist. Die Gelegenheit, einen anderen Menschen kennenzulernen. Nicht deine letzte Chance und auch nicht die Lösung all deiner Probleme. Wenn es nicht passt, passt es eben nicht. Nicht mehr und nicht weniger. Du bist deswegen nicht weniger wert, und dein Gegenüber ist es auch nicht.

Jede Begegnung ist eine Chance, aus der etwas entsteht. Wenigstens eine Erfahrung.

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Quellen

Aretz, Wera: Hate to date? Eine explorative Studie zum Burnout-Syndrom im Dating-Kontext. Journal of Business and Media Psychology, 13 (1), S. 13–38 (2024) – Erste größere wissenschaftliche Untersuchung zum Phänomen Dating-Burnout; ermittelt unter anderem, dass rund 14 Prozent der befragten Dating-App-Nutzenden betroffen sind.
Beck, Ulrich/Beck-Gernsheim, : Das ganz normale Chaos der Liebe. Suhrkamp-Verlag (1990) – Die beiden beschreiben in ihrem Standardwerk die Erwartungen an moderne Beziehungen als extrem hoch, widersprüchlich und überfordernd, da die Liebe in einer individualisierten Welt als eine Art weltlicher Ersatzreligion diene.
Be Your Mindful Self: Dating macht keinen Spaß mehr(o. J.)- Blogbeitrag über den Verlust der Freude am Dating durch chronischen Erwartungsdruck und Vergleichsdenken.
Degen, Johanna: Swipe, like, love. Intimität und Beziehung im digitalen Zeitalter. Psychosozial-Verlag (2024) – Großangelegte Studie über die Folgen der parasozialen Annäherung, wie Degen das Online-Dating bezeichnet.
HKK-Magazin: Online-Dating: Was macht das mit der Psyche? (2026) – Ein ausführlicher Bericht über die psychischen Folgen des Dating-Frusts sowie eine Darstellung der Möglichkeiten, diese zu bekämpfen bzw. zu vermeiden.
KKH Kaufmännische Krankenkasse: Frust statt Freude: Kann Online-Dating wirklich krank machen? (2024) – Bericht über eine Forsa-Umfrage unter mehr als 1.000 Singles im Auftrag der KKH, wonach acht von zehn Suchenden negative Gefühle bis hin zu depressiven Gedanken durch Online-Dating erleben.
Nast, Michael: Generation Dating Burnout. Piper Verlag (2026)) – Sachbuch über Erschöpfung und Überforderung im modernen Dating; der Autor beleuchtet, warum aus der Freiheit unzähliger Möglichkeiten für viele Menschen Dating-Burnout wird.
Watson: Liebe und Beziehung: Warum eine Psychologin langsames Dating empfiehlt (2025) – Interview mit der Psychologin und Paartherapeutin Anouk Algermissen über Slow Dating als Gegenmittel zum Dating-Burnout.

Alle verlinkten Quellen wurden im August 2026 abgerufen. Die Inhalte geben den Stand der wissenschaftlichen Diskussion zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder.

Fotos von Docusign, Mohamed Nohassi, Andrej Lišakov, Tim Gouw, Eugeniya Belova, Molly the Cat und Miquel Parera auf Unsplash

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