Die feinen Unterschiede
Singles sind anspruchsvoller. Nein, schüchterner. Oder doch nicht? Fakt ist: Es gibt Unterschiede – in verschiedenen Dimensionen. Was die Forschung über Singles und Nicht-Singles wirklich weiß: Ein nüchterner Blick auf Persönlichkeit, Finanzen, Gesundheit und Lebenszufriedenheit – und warum das alles komplizierter ist, als es klingt.
Das Singleleben ist ein Widerspruch in sich: gesellschaftlich nach wie vor beargwöhnt, persönlich zunehmend gewählt.
Du scrollst durch Instagram, und schon wieder strahlt dir ein Paar entgegen. Dein Kollege erzählt zum dritten Mal in dieser Woche, dass er nicht pünktlich nach Hause kann, weil „die Familie wartet“. Und beim Steuerberater hast du gerade wieder festgestellt, dass du als Single im Vergleich zu deinen verheirateten Freunden deutlich mehr an Sozialversicherungsbeiträgen abdrückst. Gleichzeitig warst du letztes Wochenende spontan in Amsterdam, brauchtest dich dafür mit niemandem abzustimmen und hast danach lang und tief geschlafen – allein, im Großformat.
Das Single-Dasein ist, wonach es sich oft anfühlt: ein Widerspruch in sich, gesellschaftlich noch immer mit einem leichten Beigeschmack von „noch nicht angekommen“ behaftet, aber zunehmend als selbstgewählter Lebensstil gedeutet. Wörter wie Self-Partnership, Solo Living oder Singlehood machen die Runde, Bücher über das „glückliche Alleinleben“ stehen in den Bestsellerlisten. Und dieser Blog will seinen Beitrag dazu leisten, Ansätze für ein positives Lebensgefühl zu bieten, ohne die Schattenseiten zu vernachlässigen.
Gefühlte Wahrheiten sind aber immer so eine Sache. Deshalb lohnt sich ein nüchterner Blick darauf, was die Wissenschaft zu den Unterschieden zwischen Singles und Nicht-Singles sagt, unabhängig von Wertvorstellungen, Leitbildern und Wunschvorstellungen. Nicht das, was wir oder andere gerne lesen würden, sondern das, was tatsächlich gemessen wurde.
Sieben Bereiche zeichnen das Bild: Persönlichkeit, Lebenszufriedenheit, Wohnen, Finanzen, Gesundheit, die Ursachen fürs Singledasein und kulturelle Einflüsse. Zu jedem Bereich gibt es Studien, und zu jedem Befund Nuancen, die zählen.

1. Persönlichkeit: Sind Singles anders gestrickt?
Die mit Abstand aufsehenerregendste aktuelle Studie zu diesem Thema erschien Ende 2024 im renommierten Fachjournal Psychological Science. Das Team um Julia Stern von der Universität Bremen analysierte Daten von über 77.000 Europäerinnen und Europäern ab 50 Jahren aus 27 Ländern, eine der größten kulturvergleichenden Untersuchungen zum Thema Singledasein überhaupt.
Ergebnis: Lebenslange Singles unterscheiden sich in drei der fünf Big-Five-Persönlichkeitsdimensionen von Menschen, die mindestens einmal eine Partnerschaft hatten. Sie sind im Durchschnitt weniger extrovertiert, weniger offen für neue Erfahrungen und weniger gewissenhaft, und berichten eine geringere Lebenszufriedenheit.
Dieser generelle Befund lässt allerdings keinen Schluss auf die psychische Befindlichkeit einzelner Singles zu, sondern bildet einen Durchschnitt der getesteten Gruppe ab. So betont auch Julia Stern: „Natürlich gibt es auch introvertierte Menschen in festen Beziehungen und extrovertierte Singles“. Die Unterschiede beschreiben statistische Tendenzen, keine Schicksale.
Die Big Five
Openness to Experience (Offenheit): Neugier, Kreativität, Aufgeschlossenheit.
Conscientiousness (Gewissenhaftigkeit): Selbstdisziplin, Pflichtbewusstsein, Ordnung.
Extraversion (Geselligkeit): Energie, Geselligkeit, Tatendrang.
Agreeableness (Verträglichkeit): Rücksichtnahme, Kooperationsbereitschaft, Empathie.
Neuroticism (Neurotizismus): Emotionale Labilität, Verletzlichkeit, Ängstlichkeit.L
Kausalitäten kann die Studie ohnehin nicht nachweisen. Sie kann also nicht sagen, warum es diese Unterschiede gibt oder was zuerst da war: Sind Menschen aufgrund ihrer Persönlichkeitseigenschaften Single, oder resultieren die Eigenschaften aus ihrem Singledasein?
Die vorhandene Evidenz deutet auf Letzteres hin: Persönlichkeitsveränderungen durch Beziehungen sind laut Stern in der Regel klein und vorübergehend. Wer extrovertiert ist, bleibt das auch nach einer Trennung, und wer introvertiert ist, wird durch eine Beziehung nicht dauerhaft extrovertierter. Allerdings stimmt auch: Menschen mit bestimmten Eigenschaften finden schlicht leichter Partnerinnen oder Partner. Die Forschenden nennen das den „Selektionseffekt“.
2. Lebenszufriedenheit: Das nuancierte Bild
Das Thema Lebenszufriedenheit ist vielleicht das am kontroversesten diskutierte in der Single-Forschung, weil es so viele Teilfragen enthält. Die gesamte Datenlage weist indes eindeutig in eine Richtung: Gemittelt über große Stichproben berichten Singles eine geringere Lebenszufriedenheit als Menschen in Partnerschaften. Das zeigen sowohl die Bremen-Studie als auch eine aktuelle Längsschnittstudie der Universität Zürich, die im Januar 2026 im Journal of Personality and Social Psychology erschienen ist.
Die Züricher Studie ist besonders aufschlussreich, weil sie eine Längsschnitt-Perspektive einnimmt: Über 17.000 junge Menschen aus Deutschland und Großbritannien wurden mehrere Jahre lang begleitet, zu Beginn alle noch ohne Beziehungserfahrung. Resultat: Wer dauerhaft Single blieb, verlor über die Zeit stärker an Lebenszufriedenheit und fühlte sich zunehmend einsamer. Besonders deutlich wurde das in den späten Zwanzigern, eine Lebensphase, in der viele Peers beginnen, sich zu binden, und das soziale Umfeld sich verschiebt.
Langzeit-Singles sind deutlich unzufriedener als Menschen in Partnerschaften. Dies gilt insbesondere, wenn das Single-Dasein nicht freiwillig gewählt wurde.
Ein interessantes Bild zeigt sich zudem beim Geschlechtervergleich. Single-Frauen berichten durchgängig höhere Zufriedenheit als Single-Männer. Während Frauen mit zunehmendem Alter zufriedener mit ihrem Singlestatus werden, nimmt die Zufriedenheit bei Männern tendenziell ab. Der Grund liegt vermutlich darin, dass Frauen häufiger als Männer emotionale Unterstützung in engen Freundschaften finden, Männer hingegen verlieren ohne Partnerin oft ihr wichtigstes emotionales Netzwerk.
Ein weiterer wichtiger Befund: Die Zufriedenheit hängt stark davon ab, ob das Single-Sein freiwillig ist. Wer bewusst Single ist und sich so wohlfühlt, berichtet naturgemäß eine ganz andere Qualität als jemand, der verzweifelt sucht. Studien, die diese Unterscheidung treffen, finden deutlich schwächere oder gar keine negativen Effekte für freiwillige Singles.
Auch wenn die gemittelten Werte für Singles niedriger liegen, bedeutet das nicht, dass Singles generell unglücklich sind. Etwa zwei Drittel der Alleinlebenden geben an, mit dem eigenen Leben zufrieden zu sein.

3. Wohnen: Mehr Quadratmeter pro Person sind teurer
Deutschland ist das Land der Einpersonenhaushalte. Schon heute handelt es sich bei rund 41 Prozent aller Haushalte um Einpersonenhaushalte, Tendenz steigend. Das Statistische Bundesamt prognostiziert, dass bis 2040 etwa jede vierte Person in Deutschland allein wohnen wird.
Diese beiden Aussagen klingen zunächst widersprüchlich. Diese liegt aber nur daran, dass sie aus verschiedenen Perspektiven erfolgen: Erstere fokussiert auf die Gesamtzahl der Haushalte, letztere auf die Gesamtbevölkerung. Und auch wenn Single-Haushalte nicht identisch mit Einpersonenhaushalten sind, entspricht das doch dem Trend, dass das Singleleben wieder zum Normalzustand wird.
Doch was zunächst nach viel Raum und Freiheit klingt, hat einen großen finanziellen Haken. Wer allein wohnt, zahlt alle fixen Kosten selbst: Miete oder Hypothek, Nebenkosten, Internet, GEZ, Versicherungen. Was bei einem Paar geteilt wird, liegt beim Single vollständig auf einer Schulter.
Eine Person in einer 50-Quadratmeter-Wohnung mit einem Gasverbrauch von 5.000 kWh zahlte laut einer Vergleichsberechnung 572 Euro jährlich; ein Paar mit gleicher Wohnfläche (und höherem Verbrauch von 7.000 kWh) zahlte insgesamt 956 Euro, also pro Kopf nur 478 Euro. Strom, Gas, Rundfunkgebühr, Hausratversicherung, Netflix: alles, was nicht teilbar ist, trifft Singles proportional härter. Hinzu kommen die Wohnungspreise selbst: Kleine Wohnungen haben in Deutschland fast überall einen höheren Quadratmeterpreis als große. Das bedeutet: Wer allein lebt, zahlt pro Quadratmeter mehr als jemand, der in einer Wohngemeinschaft oder Partnerschaft lebt.

4. Finanzen und Vermögen: Der „Single Penalty“ ist real
Die unterschiedliche Belastung zwischen Singles und Nicht-Singles hat über alle Altersgruppen hinweg erhebliche finanzielle Konsequenzen. Das zeigt eine aktuelle Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) aus dem Jahr 2025, die auf Daten der Deutschen Bundesbank basiert:
- Singles unter 35 Jahren haben im Median 9.800 Euro gespart. Zusammenlebende Paare derselben Altersgruppe kommen auf 42.300 Euro, mehr als das Vierfache.
- Bei den 55- bis 64-Jährigen besitzen Singlehaushalte im Median 79.800 Euro, Paarhaushalte 361.800 Euro, fast das Fünffache.
Diese Vermögenslücke hat mehrere Ursachen, eine liegt in der Art, wie Deutschland Singles besteuert.
Einsamkeit ist ein großes Gesundheitsrisiko. Doch nicht der Familienstand entscheidet, sondern die soziale Einbindung.
Ein Teil der Erklärung: Paare können Kosten teilen, was mehr Spielraum für Ersparnisse und Investitionen lässt, vor allem in Wohneigentum. Das Eigenheim ist in Deutschland nach wie vor der wichtigste Vermögensbaustein. Während weniger als jeder Zehnte unter 35 Jahren in den eigenen vier Wänden lebt, ist es bei den 55- bis 64-Jährigen bereits mehr als jeder Zweite.
Dazu kommt die steuerliche Benachteiligung. Deutschland gehört laut OECD-Daten zu den Ländern mit der höchsten Einkommensteuerlast für Singles: Ein Single mit Durchschnittsverdienst gab 2024 47,9 Prozent seines Bruttolohns für Steuern und Sozialabgaben aus, der OECD-Durchschnitt für Singles lag bei 34,9 Prozent. Nur Belgien belastet Singles noch stärker.
Im Vergleich dazu kommt eine Alleinverdiener-Familie mit Kindern in Deutschland auf rund 33 Prozent, deutlich weniger, auch wegen des Ehegattensplittings. Im englischsprachigen Raum wird diese strukturelle Benachteiligung mit dem Begriff „Singles Tax“ bezeichnet: kein gesetzlicher Begriff, aber eine treffende Metapher für die Summe aller finanziellen Mehrbelastungen, die Alleinstehende tragen. Hinzu kommt die Mehrbelastung bei der Pflegeversicherung für Kinderlose: Zwar geht es nur um 0,6 Prozent des Bruttolohns, unterm Strich bleibt dennoch eine Mehrbelastung.

5. Gesundheit und Sterblichkeit: Einsamkeit ist der entscheidende Faktor
Hier ist die Forschungslage eindeutig: Chronische Einsamkeit ist ein ernster Risikofaktor für die körperliche Gesundheit. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2023, veröffentlicht in Nature Human Behaviour, die 90 Studien mit Millionen Teilnehmern auswertete, kommt zu folgendem Ergebnis:
- Ein Mangel an sozialen Kontakten (soziale Isolation) geht im Mittel mit einem 32 Prozent höheren Sterberisiko einher.
- Das subjektive Gefühl von Einsamkeit ist mit einem 14 Prozent höheren Sterberisiko verbunden.
- Das Risiko, an Krebs zu sterben, steigt bei sozialer Isolation um 22 Prozent, bei Einsamkeit um 9 Prozent.
Eine Studie der University of Cambridge (2025) macht die Mechanismen dahinter erstmals sichtbar: Einsamkeit verändert messbar die Biochemie des Körpers. Im Blut einsamer Menschen finden sich erhöhte Konzentrationen bestimmter Proteine, die mit Entzündungsreaktionen, Arteriosklerose und Immunstörungen in Verbindung stehen. Bestimmte Hirnareale, die für Emotionen und Belohnung zuständig sind, weisen bei einsamen Menschen kleinere Volumina auf.
Chronische Einsamkeit erhöht laut weiterer Forschung das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Demenz und Krebs erheblich. Ältere, sozial isolierte Menschen sind körperlich bis zu 40 Prozent weniger aktiv als ihre eingebundenen Altersgenossen. Dazu kommt: Einsamkeit kann sowohl Ursache als auch Folge von Depressionen sein, doppelt so viele an Depression Erkrankte wie der Bevölkerungsdurchschnitt geben an, sich sehr einsam zu fühlen.
Das ist alarmierend, aber: Alleinleben und Einsamkeit sind nicht dasselbe. Man kann allein wohnen und trotzdem ein dichtes, bereicherndes soziales Netz haben. Wenn du darüber verfügst und es aktiv pflegst, hast du keinen Grund zur Besorgnis. Das eigentliche Risiko liegt im sozialen Rückzug, nicht im Familienstand. Denn auch in einer Ehe oder Partnerschaft können Menschen sich zutiefst allein vorkommen: Zwei Drittel derjenigen, die sich einsam fühlen, sind verheiratet.
6. Wer bleibt länger Single? Und was sagt das aus?
Die Züricher Längsschnittstudie liefert auch interessante Erkenntnisse darüber, wer statistisch gesehen länger Single bleibt. Das Forschungsteam um Michael Krämer fand: Männer, Personen mit höherer Bildung, Personen mit aktuell geringerem Wohlbefinden sowie Menschen, die allein oder noch bei den Eltern wohnen, bleiben im Durchschnitt länger ohne feste Beziehung.
Der Befund zur Bildung klingt zunächst kontraintuitiv, denn: Sollte mehr Bildung nicht die Chancen verbessern? Die Forschenden erklären den Zusammenhang so: Ein stärkerer Fokus auf Bildung und Karriere in jungen Jahren kann mit dem Aufschieben fester Partnerschaften einhergehen. Das ist kein Schicksal, aber ein Muster, das sich in den Daten zeigt – und als eine der zentralen Folgen des Wertewandels gilt.
Es gibt dabei einen interessanten, beinahe schon alarmierenden Kreislauf: Wer längere Zeit Single bleibt und dabei an Wohlbefinden einbüßt, hat statistisch eine geringere Wahrscheinlichkeit, eine Partnerschaft einzugehen, weil ein geringeres Wohlbefinden auch die Attraktivität als potenzieller Partner beeinflussen kann. Das klingt hart, ist aber kein Urteil, sondern ein Hinweis darauf, dass die eigene psychische Gesundheit unabhängig vom Beziehungsstatus gepflegt werden sollte. Wer lange allein ist, bleibt oft noch länger allein, insbesondere, wenn er oder sie damit unzufrieden ist.
Übrigens zeigt die Studie auch: Sobald junge Erwachsene ihre erste Beziehung eingingen, verbesserte sich ihre Zufriedenheit und Einsamkeit kurzfristig und langfristig. Nur auf die Depressivität hatte eine Beziehung keinen messbaren Erholungseffekt, ein Hinweis, dass manche psychischen Herausforderungen eigene Wege brauchen und nicht durch eine Partnerschaft „geheilt“ werden.

7. Kulturelle Einflüsse: Das Umfeld macht einen Unterschied
Ein oft unterschätzter Faktor ist das gesellschaftliche Umfeld des eigenen Singledaseins, wie die Bremen-Studie zeigte: In südeuropäischen Ländern mit höheren Heiratsraten berichteten Singles eine noch geringere Lebenszufriedenheit als in weniger normierten Gesellschaften. Der Effekt war klein, aber über alle 27 Länder hinweg konsistent nachweisbar.
Das bedeutet: Wie du dein Single-Dasein erlebst, hängt auch davon ab, welche Erwartungen dein Umfeld an dich stellt: Familie, Freundeskreis, Kollegenschaft, regionale Kultur. Wer in einer Großstadt lebt, wo Einpersonenhaushalte die Norm sind, wird das Alleinsein vermutlich anders erleben als jemand aus einer kleinen Gemeinde, wo mit 30 alle verheiratet und Eltern sind.
Das ist kein Zufall: Soziale Normen prägen, was wir über uns selbst denken. Wenn das Umfeld permanent signalisiert, dass etwas an deinem Leben fehlt, ist es schwer, dagegenzuhalten, auch wenn objektiv nichts fehlt. Die Forschung legt nahe, dass ein Großteil des Unglücks mancher Singles nicht aus dem Alleinsein selbst kommt, sondern aus dem sozialen Druck, es zu beenden.
Studien zeigen lediglich Zusammenhänge. Sie sind kein Beweis, dass Single-Sein allein Ursache für geringere Zufriedenheit, Vermögen oder Gesundheit ist.
Was die Forschung nicht sagt, und warum das wichtig ist
Nach all diesen Befunden ist es entscheidend, einige methodische Einschränkungen zu benennen, nicht um die Ergebnisse kleinzureden, sondern um sie richtig einzuordnen:
- Korrelation ist keine Kausalität. Die meisten Studien sind Querschnittstudien oder Längsschnittstudien ohne experimentelle Kontrolle. Sie zeigen Zusammenhänge, aber können nicht beweisen, dass Single-Sein direkt die Ursache für geringere Zufriedenheit, Vermögen oder Gesundheit ist.
- „Single“ ist keine homogene Gruppe. Freiwillige Singles, Geschiedene, Verwitwete, lebenslang Alleinstehende und Menschen in unverbindlichen Beziehungen erleben ihr Leben fundamental unterschiedlich. Studien, die diese Gruppen zusammenwerfen, liefern verzerrte Bilder.
- Qualität vor Quantität. Eine unglückliche Beziehung ist meist schlechter als das Single-Leben. Gerade wer in einer schädlichen Beziehung verbleibt, hat ein erhöhtes Risiko für ernsthafte Erkrankungen. Einige Studien zeigen etwa, dass Ehefrauen mittleren Alters ein höheres Risiko für psychische und physische Erkrankungen haben als unverheiratete Frauen.
- Gemittelte Werte sagen nichts über dich aus. Du bist nicht der Durchschnitt. Alle hier zitierten Befunde beschreiben Tendenzen in großen Stichproben. Sie sagen nichts darüber, wie du persönlich lebst, was dir wichtig ist und wie erfüllt dein Leben ist.
Egal, was die Statistiken sagen: Du bist ein Individuum, das sich von den anderen unterscheidet. Vergiss das nie, und lass dich in keine Schublade stecken.

Was bleibt: Fragen für dich
Die Forschung liefert kein Urteil, wohl aber Material zum Nachdenken. Hier sind einige Fragen, die sich nach diesem Überblick stellen, nicht als Checkliste, sondern als Angebote zur Reflexion:
- Zur Persönlichkeit: Erkennst du dich in den beschriebenen Tendenzen, und wenn ja, empfindest du sie als Problem oder als Teil von dir? Gibt es Bereiche (Offenheit für Neues, soziale Aktivität, Verlässlichkeit), in denen du dich unabhängig vom Beziehungsstatus weiterentwickeln möchtest?
- Zur Zufriedenheit: Wo kommt deine Lebenszufriedenheit gerade her, und was fehlt ihr, wenn überhaupt etwas fehlt? Ist das mit dem Beziehungsstatus verbunden, oder liegt es an ganz anderen Dingen: Beruf, Freundschaften, Sinn, Gesundheit?
- Zu Finanzen und Wohnen: Bist du dir der strukturellen Nachteile bewusst, die du als Single trägst? Was tust du aktiv, um gegenzusteuern, in den Bereichen Sparen, Investieren, Wohnen? Hast du dein Testament geregelt? Wer würde im Notfall für dich da sein?
- Zur sozialen Einbindung: Wie ist es um dein soziales Netz bestellt, nicht im Sinne von Quantität, sondern Qualität? Hast du Menschen, die für dich da sind, wenn es wirklich darauf ankommt? Und pflegst du diese Beziehungen aktiv?
- Zur Freiwilligkeit: Ist dein Single-Sein eine aktive Wahl, eine akzeptierte Situation oder ein Zustand, den du ändern möchtest? Und passt deine Lebensgestaltung zu dieser Antwort?
Diese Befunde sagen nichts über dein individuelles Potenzial, deine Lebensqualität oder deine Möglichkeiten aus. Du hast großen Einfluss darauf, wie dein Singleleben aussieht.
Ein unvollständiges, aber ehrliches Bild
Die Wissenschaft zeigt: Im Schnitt haben Singles eine geringere Lebenszufriedenheit, weniger Vermögen, höhere Steuer- und Abgabenlasten und ein etwas erhöhtes Gesundheitsrisiko, letzteres vor allem dann, wenn Einsamkeit im Spiel ist. Die Persönlichkeit von lebenslangen Singles unterscheidet sich statistisch in einigen Dimensionen von der partnerschaftserfahrener Menschen, wobei der Selektionseffekt der wahrscheinlichere Mechanismus ist als eine kausale Veränderung durch das Single-Sein selbst.
Gleichzeitig beschreiben diese Befunde nur Durchschnitte. Sie sagen nichts über dein individuelles Potenzial, deine Lebensqualität oder deine Möglichkeiten aus. Viele Singles leben erfülltere, gesündere und finanziell klüger aufgestellte Leben als viele Menschen in Beziehungen, und viele Ehen schützen weder vor Unglück noch vor Einsamkeit.
Was die Forschung am stärksten nahelegt, ist nicht der schnelle Griff nach der nächstbesten Partnerschaft. Näher liegt: dein eigenes soziale Netz zu pflegen, deine finanzielle Situation im Blick zu behalten, offen zu bleiben für neue Erfahrungen und Menschen und vor allem: ehrlich mit dir selbst zu sein. Anzuerkennen, Was du willst und was dir fehlt. Wenn du an dir arbeiten möchtest, gelingt dir das besser aus eigenem Antrieb als aus Optimierungsdruck, denn Erfüllung entsteht selten von außen. Das ist, unabhängig vom Beziehungsstatus, wohl keine schlechte Lebensregel.
Was davon trifft schon auf dich zu, und was würdest du für dich anders gewichten?
Quellen
IW Köln: Vermögensverteilung nach Altersgruppen (iwd.de, August 2025) – Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW Köln) ist eines der führenden wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute Deutschlands. Die Studie basiert auf Daten der Deutschen Bundesbank und ist damit methodisch belastbar. Sie zeigt, dass die Vermögensschere zwischen Singles und Paaren mit dem Alter zunimmt, der Zinseszinseffekt geteilter Investitionen wirkt über Jahrzehnte.
Krämer, Michael D. et al.: Life satisfaction, loneliness, and depressivity in consistently single young adults in Germany and the United Kingdom (Journal of Personality and Social Psychology, 2026) – Die Studie der Universität Zürich begleitete über 17.000 junge Menschen aus Deutschland und Großbritannien mehrere Jahre lang, alle ohne Beziehungserfahrung zu Beginn. Das Längsschnittdesign ist methodisch wertvoll: Im Gegensatz zu Querschnittstudien lassen sich Veränderungen über die Zeit verfolgen.
OECD: Taxing Wages 2025 (OECD Publishing, 2025) – Die OECD veröffentlicht jährlich detaillierte Ländervergleiche zur effektiven Steuer- und Abgabenlast verschiedener Haushaltstypen. Deutschland zählt darin konsistent zur Gruppe der Länder mit der höchsten Abgabenlast für Singles ohne Kinder. Das Ehegattensplitting, das Paare begünstigt, ist ein spezifisch deutsches Instrument; die meisten anderen OECD-Länder besteuern individuell.
Statistisches Bundesamt: Haushaltsprognose bis 2040 (2020) – Der Prognose zufolge wird die Anzahl der Singlehaushalte von 17,3 Millionen im Jahr 2018 auf voraussichtlich 19,3 Millionen im Jahr 2040 steigen. Insbesondere in Städten ist ein starker Anstieg der Alleinlebenden zu erwarten.
Stern, Julia et al.: Differences Between Lifelong Singles and Ever-Partnered Individuals in Big Five Personality Traits and Life Satisfaction (Psychological Science, 2024) – Diese Studie der Universität Bremen ist eine der größten ihrer Art: über 77.000 Teilnehmende aus 27 europäischen Ländern, alle älter als 50 Jahre. Sie unterscheidet sorgfältig zwischen lebenslangen Singles, aktuell Alleinstehenden mit früherer Beziehungserfahrung und Menschen in aktiven Partnerschaften.
University of Cambridge: Plasma proteomic signatures of social isolation and loneliness associated with morbidity and mortality (Nature Human Behaviour, 2025) – Die in Zusammenarbeit mit der Fudan-Universität entstandene Studie ergänzt das Bild durch Biomarker-Daten: Einsamkeit hinterlässt messbare Spuren in Blutproteinen, die mit Entzündung und Arteriosklerose assoziiert sind, und in der Hirnstruktur.
Waitly: Monatliche Ausgaben in Deutschland für eine Einzelperson mit Miete (2024) – Das strukturelle Prinzip, dass Fixkosten bei Singles nicht geteilt werden , ist ökonomisch unstrittig und wird durch Haushaltsdaten des Statistischen Bundesamts gestützt.
Wang, Fan et al.: A systematic review and meta-analysis of 90 cohort studies of social isolation, loneliness and mortality (Nature Human Behaviour, 2023) – Die Meta-Analyse wertete 90 Einzelstudien mit über zwei Millionen Teilnehmenden aus und ist damit methodisch besonders belastbar.
Alle verlinkten Quellen wurden im Juli 2026 abgerufen. Die Inhalte geben den Stand der wissenschaftlichen Diskussion zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wieder.
Fotos von Danielle-Claude Bélanger, Curated Lifestyle, fotografu, Jakub Żerdzicki, Emma Simpson, Diana Light und Allef Vinicius auf Unsplash

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