Eine Zunge leckt die Oberlippe eines sinnlich geöffneten Mundes.

Begehren ohne Rollenbilder

Wie gelingt Begehren, sexuelle und emotionale Anziehung frei von starren gesellschaftlichen Klischees zu leben? Intimität auf Augenhöhe entsteht, wenn du deine eigenen Wünsche und Partnerwünsche unabhängig von Stereotypen entdeckst. Ein Essay über Anziehung, Sexualität und die Freiheit, sich selbst zu gehören.

Die ehrlichste Frage, die man sich über das eigene Begehren stellen kann, ist nicht: Ist das normal? Sie lautet: Ist das meins?

Stell dir vor, du begegnest jemandem. Etwas zieht dich an: ein Lachen, eine Haltung, eine Art zu sprechen, eine bestimmte Energie. Du spürst etwas. Plötzlich setzt noch etwas ein. Du fragst dich: Ist das jetzt normal? Sieht es so aus, wie es aussehen soll? Verhalte ich mich richtig? Will ich zu viel, zu wenig, ein wenig zu schnell oder alles viel zu langsam? Auf die richtige Art oder auf eine, die du lieber nicht zeigen solltest?

Diese zweite Schicht ist das Thema dieses Essays. Sie ist keine biologische Notwendigkeit. Sie ist eine kulturelle Konstruktion: Begehren hat bestimmte Formen, die erlaubt sind, und andere nicht. Männer begehren so, und Frauen begehren auf andere Weise. Es gibt eine Ordnung, der das Erotische folgen soll. Wer abweicht, muss sich erklären, rechtfertigen, verstecken oder verbiegen.

Dieser Text ist kein Aufruf zu einem bestimmten Lebensstil. Er ist eine Einladung, innezuhalten und zu fragen: Was will ich wirklich? Nicht: Was darf ich wollen? Nicht: Was passt zu dem Bild, das andere von mir haben? Sondern: Was ist wirklich meins?

Eine Hand reckt sich von vorn ins Bild. Der Hintergrund ist schemenhaft.

Die Rolle und der Mensch dahinter: Ein soziologischer Einstieg

Die soziologische Rollentheorie beschreibt eines der grundlegendsten Mechanismen gesellschaftlichen Lebens. Außerdem treten wir in sozialen Systemen nicht als reine Individuen auf. Stattdessen tragen wir Positionen, mit Erwartungen, die an diese Positionen geknüpft sind.

Die Theorie sozialer Rollen

Talcott Parsons, einer der einflussreichsten Soziologen des 20. Jahrhunderts, beschrieb soziale Rollen als Mechanismen, durch die das Handeln von Individuen in die gesellschaftliche Ordnung integriert wird. Eine Rolle ist das Bündel von Erwartungen, das mit einer sozialen Position verbunden ist: Mutter, Chef, Freund, Liebhaber, Mann, Frau.

Ralf Dahrendorf ergänzte kritisch: Diese Erwartungen wirken nicht wie eine freundliche Einladung, sondern als Zwang. Außerdem verdeutlicht die Soziologie den Menschen als homo sociologicus, der unter Druck dieser Erwartungen lebt. Für Abweichungen erfahren sie Sanktionen wie soziale Ausgrenzung, Missbilligung, Unverständnis oder im Extremfall Gewalt.

Begehren ist das Privateste, das ein Mensch hat. Und trotzdem ist es das, worüber die Gesellschaft am lautesten mitredet, meistens ohne gefragt worden zu sein.

Die Bühne des Alltags

Erving Goffman, der Dramaturg der Soziologie, brachte die Metapher auf den Punkt: Das soziale Leben ist eine Bühne. Wir sind alle Schauspieler. Wir verwalten unseren Eindruck auf andere, wählen unsere Kostüme, spielen unsere Rollen, in der Öffentlichkeit, in der Begegnung, auch in der Intimität. Das Bühnenbild wechselt; die Grundstruktur bleibt.

Was Goffmans Theaterbühne für die Intimität bedeutet, ist unbequem: Auch in den privatesten Momenten spielen wir Rollen. Wir wissen, wer die führende Person sein soll, wer nachgibt, wer initiiert, wer ablehnt. Uns lenken unsere Vorstellungen davon, welche Körper was begehren dürfen und wen. Diese Skripte sind nicht angeboren. Sie sind eingeübt. Sie schränken ein, was wir überhaupt als mögliche eigene Erfahrung wahrnehmen können.

Auch im intimsten Moment tragen wir deswegen Kostüme, die andere entworfen und wir für uns übernommen haben. Die Frage ist also nicht, ob wir Rollen spielen. Sie lautet vielmehr, ob wir merken, dass es Rollen sind.

Ein Mann mit Basecap und Brille steht mi dem Rücken zur Kamera vor einem Sonnenuntergang.

Geschlecht als Aufführung: Judith Butlers radikale Frage

1990 veröffentlichte die amerikanische Philosophin Judith Butler ein Buch, das das Denken über Geschlecht, Identität und Sexualität nachhaltig veränderte. Es heißt „Das Unbehagen der Geschlechter“, ein bewusster Verweis auf Sigmund Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“. Ihre Kernthese ist radikal einfach und in ihrer Konsequenz erschütternd: Geschlecht ist nicht naturgegeben. Es wird gemacht. Butler nennt das Performativität. Geschlecht ist keine Eigenschaft, die man hat, sondern eine Aufführung, die man wiederholt.

Durch tägliche, wiederholte Handlungen, wie wir uns bewegen und sprechen, wie wir uns kleiden, was wir begehren und wir es zeigen, erzeugen wir eine (geschlechtliche) Identität und halten diese aufrecht. Nicht einmalig, sondern kontinuierlich. Doing gender, wie sie es nennt, also Geschlecht tun, nicht Geschlecht sein.

Was folgt daraus? Wenn Geschlecht performativ ist, wenn es nicht von innen kommt, sondern in sozialen Praktiken entsteht und immer wieder bestätigt werden muss, dann ist die Vorstellung, dass bestimmte Begehrensformen „natürlich“ zu einem Geschlecht passen, nicht eine „Tatsache“ der Natur, sondern vielmehr eine Konstruktion. ein Skript der Kultur, die uns umgibt.

Heteronormativität ist ein soziales Konstrukt, das ausschließlich Paarbeziehungen zwischen Frau und Mann als rechtschaffen betrachtet. Die biologische Grundlage dafür fehlt.

Die heterosexuelle Matrix

Butler beschreibt, was sie die heterosexuelle Matrix nennt: ein System von Normen, das biologisches Geschlecht (Sex), soziales Geschlecht (gender) und Begehren in einer bestimmten Konfiguration als normal, kohärent und natürlich darstellt, und andere Konfigurationen als abweichend, erklärungsbedürftig oder unsichtbar macht. In dieser Matrix begehren Frauen Männer und Männer Frauen; wer das tut, muss nichts erklären. Wer es nicht tut, schon.

Heteronormativität ist der Name für dieses System: die gesellschaftliche Vorstellung, dass Heterosexualität die Norm ist, der Maßstab, an dem alles andere gemessen wird. Sie ist nicht primär eine Frage der Ablehnung anderer Lebensweisen, sie ist eine Frage der Sichtbarkeit. Was sichtbar ist, wird denkbar. Was unsichtbar ist, wird für viele auch nicht als eigene Möglichkeit erfahrbar.

Die prägenden Beziehungsmuster

Wer in einer Gesellschaft aufgewachsen ist, die Heterosexualität als selbstverständlich voraussetzt, hat möglicherweise nie die innere Erlaubnis gehabt, bestimmte Formen von Anziehung überhaupt zu bemerken, geschweige denn zu bewerten. Das gilt nicht nur für Menschen, die sich nicht-heterosexuell identifizieren.

Es gilt auch für heterosexuelle Menschen, die bestimmte Wünsche, Fantasien oder Formen von Anziehung in sich tragen, die nicht ins Schema passen: ein Begehren nach Umkehrung der Rollenverteilung, ein Nicht-Passen in die erwartete Aktivität oder Passivität, eine Form von erotischer Neugier, die von der Norm abweicht und deshalb nie als legitim erlebt wurde.

Das Schweigen darüber ist kein Zufall. Es ist das Funktionieren des Systems. Wenn Geschlecht nicht etwas ist, das man hat, sondern etwas, das man tut, dann kann man aufhören, es auf eine bestimmte Art zu leben. Das ist keine Theorie. Das ist eine Einladung.

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Patriarchale Muster im Begehren: Was gelernt ist und was nicht

Patriarchale Strukturen sind nicht nur Strukturen der Macht, des Wer-entscheidet-über-wen. Sie sind auch Strukturen des Begehrens. Sie schreiben vor, wer wen begehren darf, in welcher Form, in welcher Aktivität, in welcher Rolle.

Was wir tun, ist Klischee

Das klassische Skript ist bekannt: Männer initiieren, Frauen reagieren. Männer wollen, Frauen gewähren oder verweigern. Männliches Begehren gilt als Antrieb, weibliches Begehren als Reaktion. Männer, die nicht aktiv genug sind, gelten als unmännlich. Frauen, die zu viel wollen oder zu offen zeigen, was sie wollen, gelten als problematisch: zu viel, zu fordernd, zu wenig züchtig, je nach Epoche und Kontext.

Diese Skripte sind nicht Vergangenheit. Sie wirken bis ins heute. In der Art, wie ein Date zu verlaufen hat. Oder in der Frage, wer wen anschreibt, wer zahlt, wer fragt, wer antwortet. In den Erwartungen an das Verhalten im Bett, an wer führt, wer folgt, wer sich kümmert, wer konsumiert. Kurz: In all‘ dem, was als normale Kommunikation über Wünsche gilt und was als zu viel oder zu wenig.

Die Kosten der Anpassung

Die Kosten dieser Anpassung sind real, für alle Beteiligten.

  • Für Männer, die gelernt haben, dass emotionale Bedürftigkeit im erotischen Kontext Schwäche ist, und die deshalb Wünsche nach Zärtlichkeit, nach Langsamkeit, nach Verletzlichkeit verstecken.
  • Für Frauen, die gelernt haben, dass eigenes Begehren zeigen zu viel ist, und die deshalb entweder stumm bleiben oder das eigene Begehren codieren, durch Andeutungen statt durch klare Aussagen, durch passives Zugänglich-Sein statt durch aktives Wollen.
  • Für alle Menschen, die irgendwo in dieser binären Skriptstruktur nicht passen, die sich nicht klar in einer Rolle verorten, die beide Rollen gleichzeitig innehaben wollen, die das ganze Modell für sich unbrauchbar finden, ist der Preis der Sichtbarkeit eine permanente Selbsterklärungspflicht, die kein Mensch einem anderen gegenüber schuldet.

Und hier liegt die eigentliche Frage, zu der dieser Text einladen will: Was würde bleiben, wenn du das Skript weglegen würdest? Was würdest du wollen, wenn du nicht gleichzeitig prüfen müsstest, ob dieses Wollen ins Bild passt? Was könnte an erotischer Freude, Neugier und Verbindung entstehen, wenn der Raum dafür wirklich offen wäre?

Patriarchale Muster schaden nicht nur Frauen. Vielleicht schaden sie sogar in erster Linie den Männern. Sie schaden allem Begehren. Sie machen Intimität zu einer Aufführung und Menschen zu Rollen. Das ist kein Gewinn für irgendjemanden.

Ein junger Mann und eine junge Frau stehen Rücken an Rücken vor einem weißen Hintergrund. Sie blicken in die Kamera.

Vergleichsdruck und das Problem der Norm

Es gibt eine Variante des Rollendrucks, die subtiler ist als Patriarchat oder Heteronormativität, aber in ihrer alltäglichen Wirkung kaum weniger einschränkend: der Vergleichsdruck. Das Gefühl, das eigene erotische und emotionale Leben an einem Standard messen zu müssen, der von außen gesetzt wird.

Dieser Standard hat viele Gesichter:

  • Die romantisierte Liebe, die sofort und überwältigend ist und für immer hält.
  • Der Körper, der begehrt werden darf.
  • Die Häufigkeit von Sex, die normal ist.
  • Die Form von Intimität, die tief genug ist.
  • Die Art des Begehrens, die gesund, fortschrittlich, authentisch ist, oder, in bestimmten Kreisen, radikal, subversiv, queer genug.

Norm setzt sich durch, indem sie unsichtbar wird. Wir vergleichen uns nicht bewusst mit einem expliziten Standard, wir haben das Gefühl, irgendetwas stimmt nicht, ohne zu wissen, womit wir uns verglichen haben. Das Unbehagen sitzt tiefer als der Gedanke, der es erzeugt hat.

Die Medien und das erotische Imaginäre

Pornografie, romantische Komödien, Serien, Werbung: das kollektive erotische Imaginäre unserer Kultur ist nicht neutral. Es zeigt bestimmte Körper, bestimmte Szenarien, bestimmte Rhythmen und Machtverteilungen als erstrebenswert, normal, erregend. Es lässt andere Körper, andere Wünsche, andere Formen von Intimität unsichtbar oder macht sie zum Exotik, zur Abweichung.

Wer viel Zeit in diesen Bildern verbringt, und wir alle tun das, in unterschiedlicher Intensität, kalibriert das eigene Begehren an dem, was dort als begehrenswertes Begehren gezeigt wird. Das ist keine individuelle Schwäche. Es ist der normale Mechanismus, durch den Kultur auf Individuen wirkt. Es bedeutet, dass das, was wir für unser natürliches Begehren halten, zu einem erheblichen Teil konstruiert ist: geformt durch das, was wir gesehen haben, und durch das, was wir nicht gesehen haben.

Sich selbst befragen, ohne zu urteilen

Daraus folgt keine Aufforderung zur Askese oder zur Ablehnung aller Bilder und Fantasien. Es folgt eine andere Einladung: die zur Neugier.

Wenn du spürst, was dich anzieht, was dich erregt, was dich berührt: Woher kommt das? Ist es wirklich deins, oder hast du es irgendwo gesehen und übernommen? Und wenn du dir nicht sicher bist: Was würde passieren, wenn du es ausprobierst oder weglässt?

Diese Befragung ist keine moralische. Es geht nicht darum, ob das, was du begehrst, gut oder schlecht ist. Es geht darum, ob es wirklich zu dir selbst gehört. Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Eine Hand greift nach einer leuchtenden Kugel, die auf einem aufgeschlagenen Buch liegt.

Das Schweigen darüber und wie du es brichst

Eine der wirksamsten Funktionen von Rollennormen ist das Schweigen, das sie erzeugen. Wenn bestimmte Wünsche nicht geäußert werden, weil du nicht weißt, wie sie ankommen würden, weil du dich schämst oder glaubst, sie seien falsch, dann werden sie unsichtbar. Nicht nur für andere, sondern mit der Zeit auch für einen selbst.

Wir wissen, was wir wollen, manchmal nicht mehr, weil wir es so lange nicht gefragt haben. Weil die Frage zu gefährlich wirkte. Weil der Raum dafür nie vorhanden war, in Gesprächen, in Beziehungen, in dem, was Intimität als thematisierbar verstand.

Sprache als Werkzeug und als Befreiung

Judith Butler betont die Bedeutung von Sprache: Begriffe, die etwas benennen, machen es denkbar. Was keinen Namen hat, kann nicht ausgedrückt werden, und was nicht ausgedrückt werden kann, wird für viele auch nicht als eigene Erfahrung verfügbar. Die Ausweitung des Vokabulars für erotische Identität und Begehren, die Begriffe, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind und die Erfahrungen beschreiben, die vorher namenlos waren, ist deshalb keine akademische Nabelschau, sondern ein praktischer Beitrag zur Erweiterung des möglichen Selbsterlebens.

Wer für das, was er fühlt, einen Begriff findet oder erfindet, kann es besser wahrnehmen, kommunizieren und integrieren. Das gilt nicht nur für nicht-heterosexuelles Begehren. Es gilt für alle, die irgendwo in der Breite des menschlichen Erlebens etwas tragen, das in den vorhandenen Kategorien nicht recht aufgeht. Die Sprache muss kein Käfig, sie kann ein Schlüssel sein.

Kommunikation als erotische Praxis

Einer der hartnäckigsten Mythen des romantisch-erotischen Skripts ist der des Unausgesprochenen: dass echte Anziehung keine Worte braucht, dass alles fließt, wenn es stimmt, dass wer fragen muss, den Zauber zerstört. Doch dieser Mythos ist nicht als ein Residuum des Rollensystems. Er bewahrt die Rollenzuweisungen, indem er sie der Sprache entzieht: Wenn nie gefragt wird, wer was will, bleiben die Annahmen intakt: Aktiv ist aktiv, passiv ist passiv, wer führt, führt, wer folgt, folgt, und niemand stellt das infrage, weil niemand spricht.

Offene Kommunikation über Wünsche, Grenzen und Fantasien ist keine Technik aus dem Therapiehandbuch. Sie ist eine der direktesten Formen von Respekt und gleichzeitig eine der effektivsten Methoden, das Rollenskript zu unterbrechen. Wer fragt, was der andere will, hat aufgehört, Annahmen zu machen. Wer antwortet, was er wirklich will, hat begonnen, sich selbst zu gehören.

Das Gespräch über Begehren ist nicht der Tod des Begehrens. Es ist seine Befreiung aus dem, was andere darüber beschlossen haben.

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Begehren als Selbstkenntnis

Es gibt eine Sicht auf erotisches Begehren, die selten vertreten wird, aber viel für sich hat: als einen Weg der Selbstkenntnis. Was dich anzieht, was dich kalt lässt, was dich berührt und was nicht: das sind Informationen über dich. Nicht moralische Urteile. Informationen. Wenn du dir erlaubst, das eigene Begehren ohne Schuldgefühle, ohne Scham, ohne sofortige Bewertung zu beobachten, lernst du etwas über deine Werte, deine Ängste, deine Bedürfnisse nach Nähe und Distanz, nach Kontrolle und Kontrollverlust, nach Fürsorge und Eigenständigkeit. Erotisches Begehren ist nicht flach: Es hat eine psychologische Tiefe, die zu erkunden mehr über einen selbst sagt als viele andere Formen der Selbstbeobachtung.

Das Recht auf Uneindeutigkeit

Der Psychoanalytiker und Philosophieprofessor Jonathan Lear beschreibt in seinem Werk über Liebe und die Psyche des Menschen, wie Eros, die Lebenskraft und der Antrieb des Begehrens, in der menschlichen Psyche nicht auf den sexuellen Bereich begrenzt ist, sondern die Grundlage alles Strebens, Schaffens und Verbindens bildet. Begehren ist nicht Problem. Es ist Energie. Was wir damit tun, und was wir zulassen, dass andere damit mit uns tun, das ist die Frage.

Nicht alle Formen des Begehrens lassen sich in saubere Kategorien sortieren. Menschen, die sich in verschiedenen Phasen ihres Lebens unterschiedlich angezogen fühlen. Menschen, die sich zu einer Person hingezogen fühlen, ohne zu verstehen warum. Menschen, deren erotisches Erleben sich verändert, mit den Erfahrungen, mit dem Alter, mit der inneren Arbeit an sich selbst.

Eigene Bedürfnisse statt gesellschaftlicher Erwartungen

Uneindeutigkeit ist keine Schwäche und keine Unreife. Sie ist ein ehrlicherer Ausdruck des menschlichen Erlebens als die Gewissheit, die das Rollensystem verlangt. Identitätskategorien sind nützliche Werkzeuge, sie helfen, sich zu verorten, Gemeinschaft zu finden, sich verständlich zu machen. Aber sie werden zum Problem, wenn sie zur Norm werden, der das eigene Erleben zu entsprechen hat, statt umgekehrt.

Das Recht, nicht auf eine eindeutige Weise zu begehren, ist ein Recht, das niemand zu vergeben hat. Es ist schlicht Wirklichkeit, für sehr viele Menschen, die es nur nicht sagen, weil das Rollensystem keinen Platz dafür lässt. Das Begehren muss keine Etikette tragen, um wahr zu sein. Es muss nur dir gehören.

Eine Frau mit langen dunklen Haaren blickt über ihre nackte Schulter hinweg an der Kamera vorbei. Auf ihre linke Gesichtshälfte fällt LIcht, die rechte liegt im Schatten.

Und die Single-Perspektive?

Wenn du ohne Partnerschaft lebst, ganz bewusst im Sinne einer Single Positivity, die das Singleleben nicht als Wartezustand begreift, hast du in Bezug auf das eigene Begehren eine besondere Ausgangslage: Einerseits fehlt dir oft der direkte Kontext, in dem Begehren ausgehandelt, ausgelebt und gespiegelt wird. Andererseits bist du freier von den Rollenzuweisungen, die aus einer festen Beziehungsstruktur entstehen. Wenn du allein lebst, musst du dich nicht in einem festen Paar-Skript verorten.

Wenn du nicht permanent in einer erotischen Beziehung bist, hast du mehr Gelegenheit, das eigene Begehren als solches zu beobachten, wenn du eine hast: Was zieht mich wirklich an? Was will ich wirklich? Was brauche ich, und was bilde ich mir ein zu brauchen, weil das Skript es verlangt? Diese Freiheit ist ein Geschenk, auch wenn sie sich nicht immer so anfühlt. Sie ist die Gelegenheit, das eigene Begehren zu erkunden, ohne sofort in einer Rolle zu sein. Ohne sofort erklären zu müssen, was das bedeutet, und auch ohne die Trägheit einer Rollenzuschreibung, die sich mit der Zeit in einer festen Beziehung einschleifen kann.

Und wenn Begegnung entsteht, wenn jemand auftaucht, den du interessant, anziehend, berührend findest, dann ist die Einladung, die dieser Text ausspricht, diese: Begegne diesem Menschen. Nicht einer Rolle weder deiner noch seiner. Nicht einem Skript. Nicht der Frage, wie das aussieht. Begegne dem Menschen. Mit dem, was du wirklich fühlst. Und schau, was entsteht.

Nutze die Möglichkeiten, deine Wünsche und Erwartungen klar zu kommunizieren, und sei offen für die deines Gegenübers. Nutzt die Gelegenheit, etwas Einzigartiges entstehen zu lassen, das nur euch gehört.

Und bis dahin: Liebe das, was du lebst. Erkunde, was du willst, und was du brauchst. Was dir wichtig ist, und was ein tabu. Schließlich ist das Singleleben ist nicht das Leben vor dem Begehren. Es ist das Leben mit dem eigenen Begehren, bevor eine Rolle dir sagt, wie es auszusehen hat.

Was bleibt, wenn die Rolle wegfällt, bist du. Und das ist mehr als genug.

Zum Abschluss: Was bleiben könnte

Dieses Essay hat keine Anweisungen. Es hat Fragen. Die wichtigste davon ist diese: Wie viel von dem, was du über dein Begehren weißt, hast du selbst herausgefunden, und wie viel wurde dir gesagt? Das ist keine Frage, die einmal gestellt und dann beantwortet ist. Sie begleitet dich und sie verändert sich, weil auch du dich veränderst.

Die Antwort, die du mit zwanzig hattest, ist nicht die, die du mit vierzig hast. Und das ist kein Problem, es ist das Zeichen, dass du noch nicht aufgehört hast, dich selbst zu fragen. Was Begehren ohne Rollenbilder bedeutet, ist nicht, dass es kein Begehren mehr gibt. Es bedeutet, dass das, was übrig bleibt, wenn die Rollenbilder wegfallen, wirklich dir gehört.

Und das ist der Ausgangspunkt für alles, was danach kommt: für echte Begegnungen, für Intimität ohne Aufführung, für Verbindungen, die nicht auf Rollenerwartung basieren, sondern auf dem, was zwei Menschen wirklich füreinander sind.

Das ist nicht einfacher. Aber es ist echter.

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Quellen

Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter / Körper von Gewicht. Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1991 (Orig.: Gender Trouble: Feminism and the Subversion of Identity, 1990). / Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1997 (Orig.: Bodies That Matter, 1993) – Judith Butlers Werk gilt als eines der einflussreichsten der Geschlechterforschung des 20. Jahrhunderts. Ihr zentrales Konzept der Performativität, Geschlecht nicht als Eigenschaft, die man hat, sondern als Aufführung, die man täglich wiederholt, ist die theoretische Grundlage des Abschnitts über Gender als Konstruktion. Butlers Begriff der heterosexuellen Matrix beschreibt das normative System, das bestimmte Konfigurationen von Geschlecht und Begehren als natürlich setzt und andere unsichtbar macht. Diese Konzepte sind heute Standardreferenz in der Geschlechter- und Sexualitätsforschung.
Connell, Raewyn: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Leske + Budrich, Opladen, 1999 (Orig.: Masculinities, 1995) – Die australische Soziologin Raewyn Connell entwickelte das Konzept der hegemonialen Männlichkeit: die dominante, gesellschaftlich privilegierte Form von Männlichkeit, die andere Formen unterdrückt und als Maßstab setzt. Connell zeigt, wie patriarchale Muster nicht nur Frauen benachteiligen, sondern auch Männer in bestimmte Rollen und Verhaltensweisen zwingen, mit Kosten für alle Beteiligten. Das Konzept ist Grundlage des Abschnitts über patriarchale Strukturen im Begehren.
Dahrendorf, Ralf: Homo Sociologicus. Opladen, 1958 – Dahrendorf, ein Vertreter der klassischen soziologischen Rollentheorie , betont den repressiven Charakter sozialer Rollen. Gesellschaftliche Erwartungen wirken als Zwang, der Homo Sociologicus ist ihnen ausgesetzt und wird sanktioniert, wenn er abweicht.
Foucault, Michel: Sexualität und Wahrheit, Bd. 1: Der Wille zum Wissen. Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1977 (Orig.: La Volonté de savoir, 1976) – Michel Foucaults historische Analyse der Sexualität ist eine der einflussreichsten kritischen Untersuchungen des Themas. Foucault zeigt, dass Sexualität kein biologisch gegebenes Naturphänomen ist, sondern ein historisch entstandenes Diskursfeld, geformt durch Macht, Normen, Wissen und deren institutionellen Träger. Die Vorstellung, dass bestimmte Formen des Begehrens normal sind und andere nicht, ist für Foucault eine Machtfrage, keine Naturtatsache. Dieser Hintergrund stützt den Abschnitt über Heteronormativität als kulturelles Konstrukt.
Goffman, Erving: Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. Piper, München, 1969 – Goffmans theatralische Metapher des Alltagslebens als Bühnenperformance ist die prägnanteste Beschreibung des sozialen Rollenspiels, das dieser Essay auf erotische Interaktionen anwendet.
Klesse, Christian: The Spectre of Promiscuity: Gay Male and Bisexual Non-Monogamies and Polyamories. Ashgate, 2007 – Jeffrey Weeks gehört zu den führenden britischen Soziologen der Sexualität. Sein Werk dokumentiert, wie sexuelle Normen und Identitäten historisch und kulturell konstruiert sind, und wie sie sich verändern. Weeks und Klesse stützen den Abschnitt über das Recht auf Uneindeutigkeit und die Historizität aller sexuellen Normvorstellungen: Was in einer Gesellschaft oder Epoche als normal gilt, ist das Ergebnis sozialer Prozesse, nicht unveränderlicher Natur.
Lear, Jonathan: Love and Its Place in Nature: A Philosophical Interpretation of Freudian Psychoanalysis. Farrar, Straus & Giroux, New York, 1990 – Der Psychoanalytiker und Philosoph Jonathan Lear beschreibt Eros, das Begehren im weitesten Sinne, als Grundkraft des menschlichen Lebens, die über das sexuell Erotische hinausgeht und die Quelle alles Strebens, Schaffens und Verbindens ist. Freuds Begriff des Eros als Lebenskraft ist die philosophische Basis für den Abschnitt über Begehren als Selbstkenntnis: Begehren nicht als Problem, das kontrolliert werden muss, sondern als Energie und Information über das eigene Innere.
Parsons, Talcott : The Social System. Free Press, Glencoe IL, 1951 – Parsons beschrieb soziale Rollen als Verhaltenserwartungen der Gesellschaft. Sie verbinden das Individuum mit dem sozialen System, sichern die gesellschaftliche Ordnung und sind unabhängig von der konkreten Person austauschbar.
Weeks, Jeffrey: Sexuality. Routledge, London, 2009 – Jeffrey Weeks gehört zu den führenden britischen Soziologen der Sexualität. Sein Werk dokumentiert, wie sexuelle Normen und Identitäten historisch und kulturell konstruiert sind, und wie sie sich verändern. Weeks und Klesse stützen den Abschnitt über das Recht auf Uneindeutigkeit und die Historizität aller sexuellen Normvorstellungen: Was in einer Gesellschaft oder Epoche als normal gilt, ist das Ergebnis sozialer Prozesse, nicht unveränderlicher Natur.

Fotos von Fellipe Ditadi, A. C., Motoki Tonn, , ohlamour studio, Karmishth Tandel und Ionela Mat auf Unsplash

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